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Eine digitale Fußball-Posse

         

 

Noch ein offenes Loch entdeckt - allerdings nicht im Dach des Waldstadions, sondern im Internetportal der Eintracht

Es war nach jenem schwarzen Wochenende Anfang Oktober, als die Mannschaft das Tor nicht traf und das Cabriodach wieder einmal seine Undichte bewies. Unmittelbar danach entdeckten findige Eintracht-Fans ein weiteres Loch, nicht im Dach, sondern in der Software der Eintracht-Internetseite: Das Schiff www.Eintracht.de schipperte mit offenem Bug durch den Ozean des weltweiten Netzes. Betroffen davon war das Forum dieser Seite, digitaler Treffpunkt für Fans weltweit und mit knapp 40.000 registrierten Usern recht gut besucht.

Dieser offene Bug erlaubte ohne große Bemühungen, Foren jenseits der Benutzeroberfläche, quasi im Untergrund, anzulegen. Dazu musste nur die letzte Zahl der URL, welche die einzelnen Unterforen ein- bis zweistellig durchnummeriert, durch eine noch nicht vorhandene Zahl oder ein beliebiges Wort ersetzt werden - und schon hatte man ein neues Forum. Diese Entdeckung stieß einerseits auf völlige Ungläubigkeit – eine Interseite dieser Dimension so ungesichert herumdümpeln zu lassen, ist schon sträflich. Anderseits sorgte die Entdeckung aber auch für Freude. Denn: Spaß machte das reguläre Forum schon lange nicht mehr, zumindest nicht den langjährigen Stammusern. Der Tabellenplatz des Teams sorgte für schlechte Stimmung, in zahllosen Einträgen, überwiegend von jungen Schönwetterfans, wurde der Rausschmiss der gesamten Mannschaft samt Trainer und Vorstand gefordert. Ansätze von Humor wurden sofort abgestraft, Lachen und Herumblödeln war nicht erwünscht. Hinzu kam, dass einzelne Moderatoren des Forums oftmals weniger moderat als selbstherrlich ihren Job erledigten und erwachsene Menschen wie kleine Kinder schulmeisterten. Das schauten sich zahlreiche selbsternannte Aushilfsmoderatoren ab und dem harten Kern, quasi den Urvätern des Eintrachtforums blieb nur der Frust.

So kam die Entdeckung genau richtig. Eine Handvoll Leute wurden eingeweiht und das Untergrund-Forum begann zu leben. Im regulären Forum wurde es sehr ruhig, obwohl die allseits bekannten Vielschreiber sichtbar online waren. Das machte einige andere User doch recht neugierig, schließlich kennt man sich ja persönlich. Über die Steckbriefe, welche die letzten drei geposteten Beiträge anzeigen, kamen immer ehr in den Untergrund. Rund 40 ständige Gäste (im regulären Forum sind im Durchschnitt 100 zeitgleich unterwegs) beteiligten sich an mehr oder weniger geistreichen Unterhaltungen. Obwohl dieses Untergrundforum den Namen „Ultraforumler“ trug, kamen die Hauptakteure keineswegs aus der Ultra-Szene, vielmehr handelte es sich mehr oder weniger um gestandene Familienväter, die an den anarchischen Treiben im Untergrund einen kindlichen Spaß entwickelten.

Spaß dominierte eben in diesem Untergrund. Der absolute Spitzenreiter unter den Threads war mit 218 Beiträgen ein Galgenmännchenspiel. Anfangs wurde – aus Ungläubigkeit darüber, dass keiner der Moderatoren etwas von diesem Treiben mitbekam – gezielt provoziert, ob mit nicht ganz jugendfreien Bildchen oder Kritik an den Moderatoren. Aber selbst darauf kam keinerlei Reaktion. So pendelte sich das fröhliche Leben im Untergrund ein. Der harte Kern wuchs noch enger zusammen, sogar eine gemeinsame eihnachtsfeier wurde geplant. Auch startete vom Untergrund aus eine Sammelaktion, nachdem zwei weiblichen Fans bei einer Fahrt zum Auswärtsspiel im Fanbus Kamera und Geldbeutel geklaut wurden. Es herrschte natürlich nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen im Untergrund, auch Antipathien wurden ausgelebt. Schließlich verliefen sich nicht nur Freunde nach unten. Aber selbst die weniger gerne gesehenen hielten sich an ihr Versprechen, des Untergrundforum (UFO) nicht zu verraten.

Drei ganze Wochen ging es unten gut, oben herrschte gähnende Langeweile, was seltsamer Weise keinen der Moderatoren stutzig oder gar neugierig machte. Dann kam das Spiel gegen Köln, als die Mannschaft erstmals das Tor wieder traf, das Dach komplett geschlossen war, das Maskottchen Attila mit seinem Live-Auftritt dem Team offenbar Glück brachte – und sich alle, ob aus dem Untergrund oder dem regulären Forum mal wieder im realen Leben und diesmal zum fröhlichen Feiern trafen. So sickerte etwas durch, vom ntergrund – und einer wurde - angeblich versehentlich - zum Judas. Nachdem er bei den Moderatoren nach dem Warum dieser offiziell nicht sichtbaren Einträge gefragt hatte, flog das anarchische Treiben auf. Immerhin reagierte einer der Forumspolizisten mit Humor, die anderen waren beleidigt, weil sie nicht informiert waren. Wortreich wurden die gekränkten Eitelkeiten breit getreten, die Fronten verhärteten sich. Von Moderatorenseite wurde mit Abmahnungen und Rauswurf aus dem Forum gedroht. Die Schleimspur, die manche User ergänzend dazu hinterließen, brachte fast den Monitor zum Tropfen. Es menschelte gewaltig in dieser digitalen Welt.

Nach zwei Tagen gelang es dem Internet-Team endlich, den offenen Bug zu schließen. Diese massive technische Panne war allerdings nie Gegenstand der Diskussionen, ebenso wenig die Tatsache, dass den Moderatoren selbst nachts, wenn nur eine Handvoll sich im Untergrund tummelnde User anwesend waren, ichts Ungewöhnliches auffiel. Einige Tage später sprachen die Moderatoren immerhin eine „Generalamnestie“ für die Untergrundverbrecher aus. Diese fanden den ganzen Wirbel eher lächerlich. Denn: Was war passiert? Nicht irgendwelche bösen Menschen, die der Eintracht, beziehungsweise deren Internetportal haben schaden wollen, trieben da ihr Unwesen, sondern treue Fans.

Den offenen Bug hätten auch andere entdecken können, schließlich waren die Untergrundler nicht die ersten. Bereits im November 2003 legten vier Jungs dort ihre „Matrix“ an, was ihnen aber offenbar schnell langweilig wurde. Im Frühjahr 2004 entdeckte ein Fan der Illuminaten diesen Untergrund und legte ein einsames Forum an. Ein weiteres befasste sich ausschließlich mit der Hetze gegen Oka Nikolov, wobei der Forumseröffner gewaltige verbale Breitseiten anderer User einstecken musste – und diese sich gar nicht bewusst waren, dass sie sich außerhalb des regulären Forums befinden. „Unglaublich“ schrieb ein weiterer User in das von ihm angelegte Forum, nachdem auch er diesen offenen Bug entdeckt hatte. Das letzte neue Forum im Untergrund entstand unmittelbar nachdem das UFO aufgeflogen war: Einer der Moderatoren – der humorvolle – musste ausprobieren, ob es tatsächlich so einfach ist.

Und das war es wirklich! Hier waren keine Hacker – wie kürzlich beim Internetportal von Real Madrid – am Werk, hier haben einfach die Macher der Seite kläglich versagt. Nach dieser Erkenntnis hätte man eigentlich über den technischen Zustand der Internet-Seite intensiv nachdenken können. Von der Benutzeroberfläche her ist sie zwar topp, aber der offene Bug war nicht die einzige Krankheit. Oft ist die Seite nicht erreichbar, beim Pokalspiel gegen Schalke stieg sie beispielsweise gänzlich aus und mit ihr der Live-Ticker zum Spiel. Aber auch ohne starken Besucherverkehr bricht sie regelmäßig zusammen oder zeigt sich extrem langsam. „Regionalliganiveau“ wird ihr von den Fans bescheinigt – hier wäre wirklich andlungsbedarf angesagt. Bedauerlich auch, dass die Moderatoren sich nicht selbstkritisch fragten, warum sich die langjährigen Stammuser einen neuen Spielplatz suchten, sondern sich nur in gekränkter Eitelkeit wälzten und die Fronten zusätzlich verhärteten.

Inzwischen ist im Eintracht-Forum wieder „business as usual“ eingekehrt. Die Seite ist wie gehabt anfällig und langsam, seitens der Moderatoren hat sich nichts verändert, nur der offene Bug ist geschlossen und dieses Loch, das drei Wochen lang für so viel Spaß sorgte, wird schmerzlich vermisst. Aber immerhin trifft die Mannschaft das Tor wieder....

 

 

Übrigens: Die Wochen vorher geplante Weihnachtsfeier der Untergrundler fand natürlich statt, ganz real. Im Ebbel-Ex ging es durch Frankfurt, bevor im Untergrund der Klapper 33 bis in die frühen Morgenstunden weitergefeiert wurde.

 

 

 

   

 

  
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