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Warum es im Odenwald Heringe regnete

Der Odenwälder Shanty Chor und die maritime Geschichte eines Bergvölkchens

Maritim gesehen zählt der Odenwald eher zu den trockenen Regionen und verfügt über keinen direkten Zugang zum Meer. Dennoch blickt die wald- und hügelreiche Region auf eine lange Seefahrertradition zurück – zumindest wenn man Manfred Maser und den 18 Damen und Herren um ihn herum Glauben schenken darf. Als Odenwälder Shanty Chor bieten sie – leider viel zu selten - ihren Fans und Gästen außergewöhnliche Heimatabende. Dabei erfahren die Odenwälder Geschichten, die im Heimatkundeunterricht an den Schulen gewiss niemals zur Sprache kamen.
Zum Beispiel von den großen Heringsregen früherer Zeiten, zwischen Hammelbach, Kröckelbach, Klein-Gumpen, Groß-Gumpen und Fränkisch-Crumbach. Diese setzten immer dann ein, wenn am nächsten Tag irgendwo in der Region der siebte Sohn einer Familie geboren wurde. Dieses Kind war dann dem „Herr der Heringe“ bestimmt und befuhr als Erwachsener für 28 Jahre die sieben Weltmeere. Diese Begebenheiten mit den vom Himmel fallenden Heringen reichten bis um 900 nach Christi zurück, erforscht und belegt von Professor Netwohr vom Institut für spekulative Heimatforschung in Fränkisch-Crumbach. Diese Odenwälder Seefahrer bekämpften Skorbut mit Apfelwein, erfanden den Octanten, den Vorgänger des Sextanten und benannten die Osterinsel nach dem Odenwald Dorf Ostern (ob Ober- oder Unter-Ostern ist nicht überliefert) oder kamen ratzfatz aus „Omerika“ wieder zurück: Atlantik geradeaus, Rhein rein und Weschnitz rauf.
Der berühmteste dieser Odenwälder Seefahrer war Schann Scheid, geboren am 21. Juni 1808 und in gewisser Wiese der Urvater des Odenwälder Shanty Chors (und aller spekulativen Wahrscheinlichkeit auch der Urahn von Schorsch, dem australischen Vorsitzenden des zentralaustralisch-zentraleuropäischen Outback-Partnerschaftsvereins, Anm.d.Red.).
Der letzte Heringsregen ging 1957 über dem Odenwald nieder, zur Geburt von Matz Scheid. Der fuhr dann allerdings nicht zur See, sondern gründete 1988 den Shanty Chor und leitet ihn noch heute. Seitdem regnet es im Odenwald keine Heringe mehr, was aber auch daran liegen könnte, dass sich Familien kaum mehr sieben Kinder zulegen. Aber die Erinnerung an diese alten Traditionen lebt weiter, dank des Odenwälder Shanty Chors.
Alles Nonsens, mag da vielleicht der traditionskundige Odenwälder denken – und Recht hat er. Aber Manfred Maser erzählt diese Geschichten, ob gereimt oder in Prosa, so glaubwürdig, detailgenau und überzeugend, dass man das Meer förmlich riecht. Dafür sorgte auch der Chor mit seinen Liedern. Shanties natürlich, aber auch irische und schottische Traditionals, vorgetragen von hervorragenden Gesangssolisten, vereint zu einem harmonischen Chor. Dieser begleitet sich auch instrumental, mit Gitarre, Flöte, Geige, Akkordeon, Kontrabass, Bodhran, Mandoline, den typischen Instrumenten des Irish Folk.
Natürlich lieferte der Chor auch eine logische und musikalische Erklärung, warum die Heringsregen in den Sechzigern des 20. Jahrhunderts aufhörten. Schließlich wechselte nach knapp 2000 Jahren das Zeitalter der Fische in das des Wassermanns. Dieses steht bekanntermaßen für Nonkonformismus und Individualismus, für Toleranz, Offenheit, Weltbürgertum, weltweite Vernetzung und Globalisierung, aber auch für ein gefährliches egoistisches Denken. Obwohl sich dieses Zeitalter noch in der Dämmerung befindet, zeichnen sich die Begleiterscheinungen schon deutlich ab. Warum soll es also nicht auch Fische geregnet haben?
„Herr der Heringe“ ist ein Programm des Odenwälder Shanty Chors, insgesamt sechs davon brachte der Klangkörper mit dem ironischen Unterton bereits auf die Bühne, mit maritimen Themen aus der ganzen Welt und Geschichten aller sieben Weltmeere. Festgehalten sind diese Programme auf mittlerweile sieben CDs. Aber wie kommt eine so trockene Region zu einem Shantychor? Die Initialzündung gaben dafür 1988 zwei Odenwälder, die für einige Zeit auf der Sea Cloud angeheuert hatten und die Liebe zu See sowie einen Sack voll Shanties mit zurück in die Heimat brachten. Aus diesen Mitbringseln bildete sich dieser besondere Chor. Der musikalische Leiter Matz Scheid und Texter Manfred Maser sind Profis, für alle anderen ist der Chor trotz aller Professionalität Hobby. Rund 20 Auftritte werden im Jahr absolviert, überwiegend rund um den Heimathafen Groß-Sachsen. Mehr sei nicht zu schaffen. Sehr schade, denn mit seiner charmanten Selbstironie und gandenloser Komik ist der Odenwälder Shanty Chor ein wunderbarer Repräsentant der Region und würde auch außerhalb der Kreisgrenzen mit seinen haarsträubenden Geschichten die Massen begeistern.

Odenwälder Shanty Chor, Manfred Maser, Hübschstr. 6a, Weinheim, Tel. 06201 14014, Fax: 06201 61044, manfred@shantychor.de, Matz Scheid, Tel. 06201 58153, Fax: 06201 54845, matz@shantychor.de, www.shantychor.de

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