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Ein Puppenhaus in Lebensgröße

Mehr als 200 Figuren hat Erika Minier selbst angefertigt 

Wenn Erika Minier (64) aus Nieder-Modau von den goldigen Gesichtern, niedlichen Kleidern und lustigen Frisuren  ihrer Kinder schwärmt, dann hat dies nichts mit ihren drei Töchtern zu tun. Peggy Sue, Tom, John-John und deren rund 200 Geschwister teilen sich zwar mit Erika Minier ein Haus. Doch die kindlichen Geschöpfe, die den Besucher von Treppen, Schränken und Regalen aus anschauen, sind aus feinstem Bisquit-Porzellan gegossen, bemalt und angezogen haben die Puppen Erika Minier und ihr Ehemann Walter.
Vor zwölf Jahren haben die beiden ihre Großfamilie aus kleinen und großen Puppenkindern gegründet. „Ich habe mit meinem Mann einen Puppenkurs belegt und es hat ihm solchen Spaß gemacht, Puppen selbst zu brennen und zu bemalen, dass wir das auch privat machen wollten“, erinnert sich Erika Minier.
Ein gebrauchter Brennofen und drei Formen waren der Beginn eines Hobbys, das schnell zur Leidenschaft wurde. „Wir haben gleich einige Puppen angefertigt. Schnell haben Bekannte und Freunde Bestellungen aufgegeben.“ Nach zwei Jahren hatte Minier bereits so viele Kurse belegt und selbst angeboten, dass sie ein Gewerbe angemeldet hat. „Ich dachte, dass ist ein schönes Standbein für meinen Ruhestand“, sagt die Vierundsechzigjährige, die damals als Altenpflegerin arbeitete. Doch bald wurde ihr klar, dass sie sich nur schwer von ihren Puppen trennen konnte. „Für meinen Mann sind es unsere Kinder. Wenn man eine Puppe selbst herstellt, vom Gießen bis zum Schneidern der Kleider alles selbst macht, hängt man daran“, sagt Minier.
Zwar verkaufe sie noch heute einzelne Figuren, „aber der Abschied fällt immer schwer“. Darum gleicht das Haus von Minier einem Puppenhaus mit über 200 zum Teil lebensgroßen Figuren. Jede ist ein Unikat, hat mit den selbst geschneiderten Kleidchen, Hosen und individuellen Gesichtern eine persönliche Note.
Um an die zum Teil viele Jahrzehnte alten Formen zu kommen, haben die Miniers etliche Kilometer zurückgelegt. Einige Gießformen stammen aus Thüringen und weiteren neuen Bundesländern. Nach dem Fall der Mauer hatten sich die Miniers dorthin aufgemacht, um Formen für die Figuren zu erstehen. Daraus ergab sich bald eine Sammlung von traditionellen Gießformen ehemaliger Porzellanmanufakturen. Auch täuschend echte Formen von „Hummel“-Formen sind darunter, „Das sind Raritäten, die es heute nicht mehr gibt“, sagt Minier.
Beim Puppengießen blieb es nicht lange. Schnell kamen weitere Figuren dazu, die Minier mit ihren Kursteilnehmern im heimischen Bastelzimmer anfertigte. Von Krippenfiguren über Tiere, Engel, Schneebabies, Geißenpeter und Kätzchen – im Flur und in den Räumen der Miniers findet sich kaum ein Motiv, das es nicht gibt.
„Für viele meiner Kursteilnehmer war es eine gute Beschäftigungstherapie“, weiß Minier. Sie ist überzeugt, dass das eigene Mitwirken am Entstehungsprozess einer Figur nicht nur das Selbstbewusstsein stärkt, sondern auch eine ganz besondere Verbindung zur fertigen Figur erzeugt. Ein Grund, warum sie die Mädchen, Lausbuben, Elfen, Tänzerinnen und Babies ihre Kinder nennt. Ihren Kursteilnehmern gehe es ähnlich. „So ein Gefühl bekommt man durch eine gekaufte Puppe nicht.“ 
Etwa drei bis vier Wochen dauert es, bis aus einer gegossenen Form eine fertige Puppe entsteht. Besondere Geduld und Fertigkeit verlange das Bemalen. „Wichtig sind Schattierungen und Farbverläufe in Kleidung und auf Gesichtern, um Mimik zu erzeugen und Falten anzudeuten“, sagt Minier. Mit dem Herstellen der Puppen hat sie eine weitere Leidenschaft einbringen können: Minier ist begeisterte Schneiderin und Stickerin. Muster und Schnitte erarbeitet sie seit Jahren am Computer. „Kaum gab es die ersten Rechner, hatte ich schon einen für diesen Zweck“, sagt sie. Eine computergesteuerte Stickmaschine und Programme am PC- für die Autodidaktin kein Problem. So nutzt sie ihren mittlerweile hochmodernen Rechner für den weltweiten Austausch mit Puppenfreunden, sogar bis nach Amerika hat sie schon Puppen nach Anfrage verschickt. Auch Lustiges und Kurioses hat sie als Puppenmutti erlebt. „Da gab es einen Witwer, für den habe ich eine große Puppe angefertigt. Er fühlte sich dann nicht mehr so einsam.“ Ein weiterer Senior ließ sich von Minier zwei Babies herstellen. Freudig schrieb er ihr nach ein paar Wochen eine Karte: „Wenn ich in meinem Sessel sitze, sitzen mir die beiden strahlend gegenüber. Das macht mir große Freude“, so der Wortlaut.

Text und Fotos: Sabine Eisenmann

 

 

     

 

  
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