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Kommunales Kino Weiterstadt:
Kleines Filmtheater, grosser Anspruch

Der alternative Filmclub hat sich zur bekannten Einrichtung gemausert

In kuscheligem Ambiente niveauvolle Filme zu präsentieren, die in den gängigen Kinos nicht zu sehen sind, das ist seit 30 Jahren Motto des Kommunalen Kinos in Weiterstadt. Oder wie es der Weiterstädter Jochen Pollitt, Mitbegründer der Einrichtung, ausdrückt: „Wir sind ein Haufen verrückter Filmfans, die andere Filme als den Mainstream zeigen wollen.“
Dieser Anspruch und das daraus resultierende Kinoprogramm wurde bereits mehrfach prämiert: Zum sechsten Mal in Folge ist das Kommunale Kino vor wenigen Monaten mit dem Hessischen Filmkunstpreis für das Programm 2003 ausgezeichnet worden.
Die Organisatoren des kleinen Filmtheaters, das mittlerweile bundesweit eine bekannte kulturelle Einrichtung ist, sind Lob und Auszeichnung längst gewohnt. Trotzdem sei der Preis eine Überraschung gewesen. Denn wegen eines Wasserschadens hatte das Kino im betreffenden Jahr für einige Monate eine Zwangspause einlegen müssen. Erst im September 2003 gab es für das sanierte Kino einen Neuanfang. Die Jury habe laut Weiterstädter Filmemacher das Programm der verbleibenden Spielzeit „besonders bemerkenswert und auszeichnungswürdig“ gefunden, was dem Weiterstädter Kino die zweithöchste Auszeichnung des Wettbewerbs einbrachte.
Gegründet wurde das Kommunale Kino als Gegenpol zu dem intellektuell eher anspruchslosen Gros an Filmen in den siebziger Jahren. Damals regierte die sozial-liberale Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt das Land, Italo-Western mit austauschbarer Handlung, Zeichentrick-Helden und softe Sexfilmchen regierten die Leinwand.
Als Reaktion auf die seichte Kinokultur gründeten sich in einigen Gemeinden kleinere Filmclubs, die Filme mit politischem Anspruch zeigten. „Als wir 1972 anfingen, haben wir uns im katholischen Jugendhaus getroffen und Filme mit einem geliehenen Projektor gezeigt. Das hatte schon eine ganz eigene Romantik“, erinnert sich Jochen Pollitt und schmunzelt. 
Vor jeder Veranstaltung wurden Klappstühle in dem kargen Raum aufgebaut und die Fenster mit Decken abgedunkelt. Gezeigt wurden Filme von Schlöndorff und Fassbinder, was den Pfarrer zwar irritiert habe, „doch er hat uns machen lassen“, erinnert sich Pollitt. Gleichgesinnte trafen sich in Weiterstadt im evangelischen Gemeindehaus. Nach ein paar Monaten des Nebeneinanders schlossen sich die Gruppen zusammen, das war 1974 das Geburtsjahr des Kommunalen Kinos.
Nicht nur die Auswahl der zunächst monatlich und später wöchentlich gezeigten Filme unterschied das Kino vom kommerziellen Lichtspielhaus, das es damals noch in Weiterstadt gab. Auch einführende Worte vor und Diskussionsrunden nach den Vorstellungen prägten die Einrichtung.
Nicht nur unter Cineasten fand das Kino Anklang. Unterstützung erhielt es auch von der Gemeinde, die 1981 die Trägerschaft des „autonomen Zusammenschlusses Filminteressierter“ übernahm. Seitdem hat das Filmtheater seinen Platz im Keller des Weiterstädter Bürgerzentrums. Dort sorgten gepolsterte Sitzreihen und ein legendäres Sofa von Anfang an für Gemütlichkeit.
Und während kommerzielle Kinos wie auch das Weiterstädter Lichtspielhaus aus wirtschaftlichen Gründen aufgaben, hat das Kommunale Kino sowohl durch Stammkundschaft als auch mit Besuchern aus der weiteren Umgebung überlebt. Zunächst war das Kommunale Kino zugleich Kleinkunstbühne: Lesungen und Theaterstücke gab es, auch das südhessische Comedy-Duo „Badesalz“ startete in Weiterstadt erste Gehversuche.
Das Aus drohte der Einrichtung durch den Wasserschaden vor knapp zwei Jahren: Bei der Installation einer digitalen Soundanlage, die die veraltete analoge Technik ablösen sollte, waren die Arbeiter auf Grundwasser gestoßen, das daraufhin in den Zuschauerraum strömte. Ein Jahr lang legte das Kino daraufhin eine Zwangspause ein. Nach der Trockenlegung leisteten die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Kinos insgesamt 3000 Arbeitsstunden, bis die neue Anlage installiert, Rohre beschichtet und die Räume isoliert und renoviert waren.
Seitdem ist das kommunale Lichtspielhaus im Bürgerzentrum Weiterstadt mit modernster Technik ausgestattet. Es bietet neben digitalem Filmerlebnis 73 bequeme Sessel und eine Wohnzimmer-Atmosphäre unter einem künstlichen Sternenhimmel. Nach wie vor ist die Einrichtung eine Alternative zum kommerziellen Kinobesuch. Das betrifft auch die Preise: Jeder Film kostet 4,50 Euro, ermäßigt drei Euro. Für Kinder ist im ermäßigten Ticket zudem Bastelmaterial enthalten, das bei fast jeder Kindervorstellung zum Einsatz kommt.
Seit der Schließung zahlreicher Programmkinos in der Umgebung ist das Kommunale Kino eine der wenigen Möglichkeiten, Filme zu sehen, die älter als ein halbes Jahr sind. „In unserem Programm ist für jeden Geschmack etwas dabei“, sagt Pollitt. So gibt es neben Dokumentarfilmen wie „Derrida“ und Künstlermärchen wie „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ auch relativ aktuelle Filme zu sehen, darunter „Die fetten Jahre sind vorbei“ und „Der Untergang“. Das tägliche Programm mit oft mehreren Vorstellungen hat auch ein regelmäßiges Angebot für Kinder. Dauerbrenner bei den Erwachsenen seien seit Beginn Klassiker wie „Casablanca“, „Uhrwerk Orange“ und „Metropolis“, sagt Pollitt. „Aber wir wollen auch Interesse für Neues wecken.“
So gibt es hin und wieder besondere Events wie Stummfilm-Klassiker mit Live-Begleitung am Piano oder ein Familienfrühstück mit anschließendem Kinderfilm. Auch an der Organisation des Weiterstädter Filmfests, das jeden Spätsommer Tausende Kurzfilm-Fans nach Weiterstadt lockt, sind einige Kino-Mitarbeiter beteiligt. Und Pollitts unvergleichliche Moderationen mit hessischem Charme dort längst zum Kult geworden.
Obwohl die gemütlichen Sessel im Kino und Sitzgruppen im Foyer der Einrichtung zu Gesprächsrunden einladen, werde kaum noch über Filme diskutiert, bedauert Pollitt. „Die meisten Besucher warten nicht einmal mehr den Abspann ab. Das unterscheidet uns kaum noch von den großen Kinos.“ Geblieben ist die Ansage vor jedem Film. Und das Gefühl, nicht Zuschauer in einem anonymen Großkino zu sein. Vielmehr erweckt ein Besuch im Kommunalen Kino den Eindruck, einen Videoabend mit Freunden vor einer Großleinwand zu verbringen.
Für die Zukunft wünscht sich der rund 20 Mitglieder starke Arbeitskreis mehr Resonanz. Vor allem aus seinem Heimatort Weiterstadt. „Oft kommen unsere Gäste aus der weiteren Umgebung. Viele Weiterstädter wissen gar nicht, dass sie ein anspruchsvolles Kino in der Nähe haben. Wir sind im Umland bekannter als in unserer Heimatstadt“, bedauert Pollitt.
(Sabine Eisenmann)  

     

  
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