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Die Details sind echt und ehrlich

Das „Moderne Theater“ in Weinheim hat Chic und Charme – und bietet wahren Kinogenuss, inklusive größtmöglicher Beinfreiheit

Beinfreiheit. Wirkliche Beinfreiheit ist, wenn sich selbst ein Basketballspieler lang machen kann, ohne im Kino dem Vordermann seine Flossen um den Hals legen zu müssen. Derlei Kinos sind heutzutage, wenn die auf –x oder –opolis endenden Filmvorführgiganten Quadratzentimeter in möglichen Profit umrechnen, so selten wie eine Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land, bei der jeder die Chance hat an Karten zu kommen.
In Weinheim gibt es so ein Kino. Altstadteingang, nahe der Fußgängerzone, zurückgesetztes Entree, großzügiges Foyer und eben diese aberwitzig verschwenderisch gestellten Sitzreihen. „Normal bei uns, fällt mir schon gar nicht mehr auf“, sagt Sven Schröder, der Theaterleiter des „Modernen Theaters“. Unprätentiös auch andere Details. Die im Sommer geöffnete Terrasse mit herrlichem Blick auf eine der besten Wohnlagen Weinheims, auf die Wachenburg, den Wachenberg und die Burgruine Windeck. Oder die schmiedeeisernen Treppengeländer mit dem Charme der Wirtschaftswunderzeit. Messing natürlich. Mit Patina.
Mit der Zeit geht der Betrieb dennoch. Beim „Wunder von Bern“ wurde die alte Schreibmaschine des in Weinheim begrabenen Sepp Herberger (dem sportlichen Urgroßvater von Klinsmann) mit eingespanntem Trainingsplan gezeigt. Hat ein James-Bond Premiere, wird schon mal das passende Bond-Mobil vor dem Eingang präsentiert. Zumindest als der noch BMW fahren musste. Jetzt, wo er wieder Aston Martin fahren darf, darf man in Weinheim der nächsten Bond-Premiere gespannt entgegenfiebern. Vielleicht gibt es dann auch einfach Wodka-Martini an dem hübschen Tresen. „Independence Day“ wurde von einem Vortrag eines UFO-Forschers flankiert.
Schröder weiß, dass das „Moderne Theater“ seinem Namen Ehre machen muss. „Unser größtes Problem ist die Verleih- und Vermarktungspolitik der Filmindustrie. Immer schneller kommen Filme als DVD auf den Markt. Da spart sich mancher eben den Gangs ins Kino.“ Verstärkt werde das Problem durch die Raubkopierer. „Da ist ein Film schneller im Internet, als wir ihn gespielt haben. Das tut weh.“
Sven Schröder singt das Loblied auf den Kinogenuss. „Die breite Leinwand, die Atmosphäre, die Geselligkeit mit Leuten, der exzellente Ton, das vollständige Abtauchen in den Film - wer hat das denn zu Hause, wenn er eine DVD einlegt?“
Dem Foyer sieht man an, dass es vor drei Jahren komplett neu gestaltet und ausgestattet wurde. Die üblichen Verdächtigen wie Knabberzeug und Popcorn liegen hier noch nicht wie in einem Supermarktregal aus. Sie werden nach alter Manier  dargeboten. Mitnahmekultur, nein danke.
Drei Kinos gab es bis vor einigen Jahren in Weinheim. Zwei davon machten dicht. „Das haben wir natürlich sehr stark gemerkt, im Positiven“, erinnert sich der sechsunddreißigjährige Schröder. 100.000 Besucher pro Jahr verzeichnete das Kino da. Dann wurde das „Kinopolis“ in Viernheim eröffnet. Ergebnis: 25 Prozent weniger Besucher im „Modernen Theater“. Dabei ist es in Viernheim teurer, enger und Viernheim ist auch nicht gerade ums Eck für die Weinheimer Kinofans.
Wer im „Modernen Theater“ einmal erlebt hat, wie die sehenswerten Wandleuchten bis zur Dunkelheit gedimmt werden, der macht freilich gerne eine Bogen um die Megakinos mit ihrer LED-Romantik, mit der geradezu auch Unterböden von getunten Autos beleuchtet werden könnten. Im „Modernen Theater“ sind die Details echt und ehrlich. Und das ist viel, was man heute über ein Kino sagen kann.  

Modernes Theater, Hauptstraße 61, Weinheim, Telefon 06201 62155, Fax 185407, www.kinoweinheim.de, Parkplätze im Parkhaus Karlsbergpassage und in den umliegenden Straßen.

Chic und Charme

Zwei Säle gibt es im „Modernen Theater“. Saal „Chic“ hat Platz für 230 Gäste, das Kino „Charme“ ist für 90 Leute gebaut. Es gibt einen Balkon (im „Chic“) mit Nischen, die ihren Namen tatsächlich verdienen. Im Parkett gibt es in beiden Sälen kleine Rückzugsboxen, ideal für den Kinobesuch zu zweit und ein Beleg für die Großzügigkeit, mit der im einzigen Weinheimer Kino mit dem Platz umgegangen wird.

Spielzeiten

Montags bis donnerstags: 15, 18 und 20 Uhr, freitags zusätzlich um 23 Uhr. Samstags: 14, 16, 18, 20 und 23 Uhr und sonntags um 14, 16, 18 und 20 Uhr.

Preise

Erwachsene zahlen je nach Kino und Uhrzeit sechs bis sieben Euro, die üblichen Ermäßigungsverdächtigen zahlen einen Euro weniger. Kinderfilme am Nachmittag kosten 4, 50 Euro. Mittwochs ist „Movie extra“-Tag. Nicht mehr ganz aktuelle Streifen werden dann für fünf Euro gezeigt. 

 

Jürgen Buxmann

 

 

     

 

 

 

  

 

 

 

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