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Kaisersaal-Lichtspiele in MÜnster

Das Kino mit gemÜtlicher Wohnzimmer-AtmosphÄre

Bereits seit 69 Jahren ist das Kino „Kaisersaal-Lichtspiele“ an der Hauptstraße von Münster Anziehungspunkt für Cineasten aus der Region Darmstadt-Dieburg und Rödermark. Kaum verwunderlich für den, der einmal hier einen Film angeschaut hat: Der Kinosaal mit seinen heutigen 194 Plätzen – die von der gemütlichen Couch über bis zum gepolsterten Holzsitz reichen – strahlt einfach noch den Charme vergangener Zeiten aus: Weinroter Filzwandbehang kombiniert mit Blumen-Tapeten, kunstvolle Lampen, Abstellmöglichkeiten für Getränke und Knabbereien vor jedem Sitzplatz und die zahlreichen Besucher, die sich häufig untereinander kennen, tragen zur gemütlich-familiären Wohnzimmer-Atmosphäre bei. Sehr zum Bedauern einiger Kinobesucher werden die vier Logen im rechten oberen Raum des Saales nicht mehr genutzt. Denn gerade die Älteren haben die so genannten „Kitzelstübchen“ jedoch noch in guter Erinnerung.

Im „Kaisersaal“, wie die Cineasten ihr Kino kurz nennen, ist der Besuch für jeden noch erschwinglich. Der Film kostet 5 Euro – bei freier Platzwahl -, bei Überlänge zahlt man 50 Cent oder mal einen Euro mehr. Gezeigt werden aktuelle Filme, teilweise sogar direkt zum Bundesstart, für Jugendliche und Erwachsene Freitag- bis Montagabends; ein spezieller Kinderfilm läuft nachmittags. Doch damit lässt es die Betreiberfamilie Herzing-Müller nicht bewenden: Neben dem „normalen“ Kinoprogramm gibt es am ersten Mittwoch im Monat das „CinemaPlus“, das jetzt im Januar sein fünfjähriges Bestehen feiert. Für die einen ist es anspruchsvolles Kino, für die Cineasten ein Filmgenuss, denn an diesen Tagen werden Klassiker, Kassenschlager und gute, aber unbekanntere Filme abseits des Mainstreams gezeigt. Das Beste an diesem Mittwochskino ist, dass es die Besucher selbst bestimmen können: Für 2005 hatte die Familie Herzing-Müller 24 Filme, die immer mal wieder gewünscht wurden, gelistet. Hierzu gaben 262 Kinofreunde ihre Wertung und einen Wunsch für das Programm 2006 ab. „Die Feuerzangenbowle“ hat den Sprung in die Top12 in diesem Jahr leider verfehlt, was aber nicht heißt, dass ein eingeschworener Fanclub ihn nicht doch sehen kann. Denn für Gruppen, Vereine und Schulklassen macht Filmvorführer Willi Stork auch gerne mal eine Sondervorführung.

Schließlich bedient der 81-jährige Münsterer nun schon seit über 65 Jahren die Filmprojektoren. Eine stolze Zeit. Und das Kuriose: „Als wir im vergangenen Jahr beim Treffen des deutschen Verbands der Filmtheater dieses Jubiläum erwähnten, gab es zunächst einmal ratlose Gesichter“, erzählt Bettina Herzing-Müller, die seit 1998 mit ihrem Mann zusammen das Kino betreibt, schmunzelnd. Willi Stork hatte bereits für 60 Jahre das goldene Malteserkreuz erhalten. Eine höhere Auszeichnung gibt es nicht, da er der erste Filmvorführer ist, der auf 65 Jahre Tätigkeit im Kinogeschäft zurückblicken kann.
Willi Stork wurde als 16-Jähriger von Jacob Herzing, der zusammen mit seiner Frau Elisabeth 1936 das bestehende Kino in Münster übernahm und als ersten Film „Die Schlacht am blauen Berge“ über die Leinwand flimmern ließ, mit der Vorführtechnik und dem Ernemann2- Filmprojektor vertraut gemacht. Im Laufe der Jahre hat sich der heute 81-Jährige seinen Nachwuchs herangezogen, so manche technische Modernisierung miterlebt und ist immer wieder Feuer und Flamme, wenn er Anekdoten aus seiner Vorführzeit erzählen oder einem Interessierten die Projektoren und die Technik erklären kann.

Doch was auch immer sich im und am Kino zum Vorteil der Besucher veränderte, keine der drei Herzing-Generationen wollte die Kosten dafür auf die Kinokarten oder angebotenen Getränke und Snacks schlagen. So erhält man noch ab 5 Cent Haribo-Nascherei sowie Cola, Fanta und Wasser zum kleinen Preis von 1,10 Euro. Die Flasche Bier kostet 1,60 Euro. Außerdem gibt es ein umfassendes Sortiment an offenen Weinen. Von Popcorn und ungesunden Schokoladen-Riegeln will Bettina Herzing-Müller nichts wissen: „Wir verkaufen stattdessen Espresso und Cappuccino, selbst gemachtes Eis, süße und salzige Knabbereien – nicht zu vergessen die Produkte aus fairem Handel.“

Der Betreiberfamilie Herzing-Müller liegt die Liebe zum Film im Blut. So lässt sich Bettina Herzing-Müller auch immer wieder eine Aktion einfallen: Ob das die „Lange Harry Potter-Nacht“ mit Film, Lesung und Verkauf des neuen Bandes war oder die Überraschungen zum CinemaPlus-Film. Zur Vorführung von „Goodbye Lenin“ dekorierten die Kinobesitzer den Vorraum mit DDR-Reliquien. Zu „Chocolat“ wurde jedem Gast ein selbst gemachtes Pralinchen gereicht, während es bei „Buena Vista“ Cocktails gab. „Wir möchten unsere Besucher auf den Film einstimmen und ihnen einen möglichst schönen Aufenthalt in unserem Kino bereiten“, erklärt Bettina Herzing-Müller, während sie am Schalter Karten verkauft, die ihre Tochter Mayely oder einer der mittlerweile sieben Filmvorführer am Saaleingang abreißen.

Der Zukunft sehen die Inhaber der „Kaisersaal-Lichtspiele“ gelassen entgegen: „Mal schauen, ob und wann das digitale Kino kommt. Wir werden aber auf jeden Fall weitermachen!“

(Martina Emmerich)

 

     

  
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