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Kosten steigen, Einnahmen sinken

Die Lichtspiele Höchst halten dennoch die cineastische Fahne hoch

Die Höchster Lichtspiele blicken auf eine lange Geschichte zurück. Ein Zeuge dieser Zeit steht ganz bescheiden in der Ecke: Ein altes Klavier. An diesem wurden früher die Stummfilme begleitet, die nebenan im Saal eines Gasthauses liefen. Dessen Wirt, Karl Nees, war schon begeisterter Cineast, als die Bilder gerade laufen lernten. Bereits in den Zwanzigern zeigte er die Zelluloidstreifen im Saal des Gasthauses. Anfang der Vierziger entstand nebenan der Kinosaal mit 300 Plätzen. Ein Foyer gab es damals nicht. Gleich neben dem Eingang befand sich das Kassenhäuschen und hinter einen dunkelroten Vorhang begannen die hinteren Sitzreihen. Eine gravierende Wende kam rund zehn Jahre später, exakt um 90 Grad. Bei einem Umbau, fast ein Neubau, entstand ein gemütliches Foyer, der Kinosaal wurde quer angelegt, mit einer großen, acht mal vier Meter-Leinwand versehen und die Lichtspiele mit neuen Vorführgeräten ausgestattet. Diese Geräte laufen übrigens immer noch einwandfrei.
Die heutigen Betreiber, Lilo Pausar, die Enkelin des Kinogründers, und ihr Mann Hans Pausar übernahmen die Geschäftsleitung 1970. Dazu gehörte damals auch das Kino im Nachbarort Sandbach, das bis 1990 in Betrieb war. In Höchst gab es weitere Veränderungen: 1980 kam mit dem Cinema ein zweites, kleineres Kino mit 50 Plätzen hinzu. 1994 wurde die Tonanlage komplett erneuert.
Zwei Kinosäle sind es auch heute noch, mit insgesamt 220 Plätzen. Gefüllt sind diese nur noch selten. Auch die ursprünglichen Pläne, im kleinen Cinema anspruchsvollere Filme zu zeigen, sind längst gescheitert – dafür gibt es in Höchst offenbar kein Publikum. Mainstream läuft. Aber auch nicht so richtig. Nur sechs Jugendliche sitzen in der letzten Nachmittagsvorstellung von „Harry Potter“, in der dritten Wochen. Laufzeiten von mehr als zehn Wochen gab es zuletzt bei „Titanic“, als das Ehepaar Pausar in der elften Woche dem 2222 Gast ein Präsent überreichte. Die wirklich guten Filme sind selten geworden, wobei es davon zwei Varianten gibt. Gut in finanzieller Hinsicht, also mit viel Besucherresonanz und den entsprechenden Einnahmen. Oder wirklich gute Filme, die leider meist nicht die Massen locken, sehr zum Bedauern der Betreiber.
Es ist nicht mehr einfach, ein kleines Kino auf dem Land zu betreiben. Die Konkurrenz ist stark, die Kinopaläste in den Großstädten und vor allem das Internet. Besonders die jungen Besucher sind dadurch weg gebrochen. Spätestens zum Bundesstart können die Filme illegal aus dem Internet gesaugt werden. Sie laufen dann auf der heimischen Glotze statt auf der großen Leinwand. Auf die besondere Kino-Atmosphäre wird verzichtet, Hauptsache man kann mitreden. Auch Kinderkino ist stark rückläufig, viele Kinder kennen dieses Erlebnis schon gar nicht mehr. Diesbezüglich wünscht sich Lilo Pausar mehr Engagement der Schulen. In anderen europäischen Ländern stehen Kino und die entsprechenden Ausflüge auf dem Lehrplan, hier verläuft sich leider nur selten eine Schulklasse in ein Lichtspielhaus. Dabei sind die Kleinen immer wieder ganz hingerissen: Ein Getränk, eine Tüte Popcorn, der Film auf der großen Leinwand - und die Kinder sind glücklich. Dieses Erlebnis kann kein noch so guter Film auf DVD ersetzen.
Sie richten sich schon nach den Wünschen ihrer Gäste, die engagierten Kinobetreiber. Als der Wunsch nach Popcorn aufkam wurde eine entsprechende Maschine angeschafft und seitdem duftet es im Foyer herrlich nach den leckeren Maisflocken – nach Kino eben. Auch besonderen Filmwünschen wird nachgegangen, recherchiert, Kontakt mit kleinen Verleihfirmen aufgenommen. Dabei ist jeder Film wieder ein neues Risiko. Die Verleihfirmen fordern horrende Garantiepauschalen – und wenn es wirklich mal gut läuft bis zu 50 Prozent der Einnahmen. Selbst die Werbetrailer und die Plakate müssen bezahlt werden. Geldverdienen lässt sich mit einem Kino auf dem Lande kaum bis gar nicht.
„Wir müssten mal wieder renovieren“, meint sie. Darauf er: „Machen wir das nicht ständig?“ So ist es auch – und zum Glück kann der gelernte Elektrotechniker viel selbst machen. Er hält die alten Projektoren in Schuss, die gesamte Elektronik im Haus, manche Dinge wie die Teller zum Aufspulen der Filme hat gar ganz selbst gebaut. Ohne diesen Einsatz ginge es gar nicht. Lilo Pausars sehnsüchtigster Wunsch für das neue Jahr: Ein paar Tage Urlaub, um zur Taufe des Enkelkinds nach Koblenz zu fahren und es zum ersten Mal zu sehen. Vorher blieb dafür keine Zeit, in den Wochen vor Weihnachten wurde täglich gespielt. Der Verleih bestand darauf, sonst wären „Harry Potter“ und „Narnia“ nicht nach Höchst gekommen. Vorführer und andere Aushilfen leistet sich das Ehepaar längst nicht mehr, alles wird selbst gemacht. So verbringen sie Abend für Abend für Abend im Kino, beide gemeinsam oder einer alleine. Während der Film läuft, wird Schach gespielt – bei Ermangelung eines Partners gegen den Computer. „Ich würde so gerne mal ins Theater oder zur Kleinkunst gehen – aber am Wochenende ist das unmöglich“, bedauert sie. Dennoch werden sie das Kino weitermachen, so lange es geht. Ob die Kinder es übernehmen werden, ist bei aller cineastischen Begeisterung eher fraglich. Die Kosten steigen, die Einnahmen sinken. Man kann halt nicht davon leben, Kinobetreiber ist eher ein teures und zeitintensives Hobby.

Höchster Lichtspiele und Cinema, Frankfurter Straße 10, Höchst im Odenwald, Tel. 06163 3666 oder 06163 29 40, www.lichtspielehoechst.de.

In den Höchster Lichtspielen und im Cinema laufen täglich zwei Filme, zu normalen Zeiten sind üblicherweise der Mittwoch und Donnerstag spielfrei. Die Anfangszeiten sind 20.15 und 20.30 Uhr, am Wochenende stehen zusätzliche Kinder- und Jugendvorstellungen um 14.30 und 17 Uhr auf dem Programm. Der Eintritt kostet für Erwachsene sieben Euro, auf dem Balkon acht Euro, die Kindervorstellung 3.50 Euro, bei Überlänge des Film jeweils ein Euro mehr. Das aktuelle Programm ist der Internetseite www.lichtspielehoechst.de zu entnehmen oder telefonisch zu erfragen.

Liane Probst-Simon

 

 

     

 

 

 

  

 

 

 

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