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Kein letzter Abspann

Das Lichtspielhaus Groß-Gerau gibt es seit 1919 – und hier darf immer noch geraucht werden

„Das Kino gehörte schon meinen Großeltern und dann meinen Eltern“, sagt Anja Wenz. „Vor eineinhalb Jahren habe ich es übernommen.“ Ein mulmiges Gefühl habe die Augenoptikerin beschlichen, als ihre Eltern sich zur Ruhe setzen wollten und der Gedanke Gestalt bekam, „irgendwann die letzte Cola zu verkaufen und den Abspann des letzten Films über die Leinwand laufen zu sehen.“ Kurzum: die Neununddreißigjährige wagte den Sprung und führte den Groß-Gerauer Traditionsbetrieb fort. Mit einem sicherheitsspendenden Trost: „Wir sind inzwischen das einzige Kino in Groß-Gerau. Sonst ginge es gar nicht.“
Das Lichtspielhaus Groß-Gerau hat sich unter Anja Wenz herausgeputzt. Aus dem beschaulichen „Bambi“ wurde die „Cinebar“, ein lifestyliger Raum mit modernem Gestühl und Gruppentischen. Einige Sessel sind drehbar, man kann bis zum Hauptfilm wie an einem Kneipentisch sitzen und sich unterhalten. Geht’s los: kurzer Schwenk in Richtung der modernen Leinwand und der Film steht im Mittelpunkt. Getränke werden am Tisch serviert, auch während des Films geht das Team herum und nimmt Bestellungen auf. Es darf geraucht werden – fast ein Novum in der immer sterileren und gemütlichkeitsfeindlichen Cineastenwelt.
Das unscheinbare Gebäude mitten in der City der auch sonst unspektakulären Kreisstadt beherbergt seit 1919 einen Kinobetrieb. Wenz schaut, obschon Kinotochter, mit Verwunderung auf den Filmbetrieb. „Ich frage mich immer, was kann da noch kommen. Aber immer kommt noch was Neues auf den Filmmarkt.“ Demnächst „King Kong“, noch ein paar Teile „Harry Potter“, da eine Neuverfilmung eines alten Stoffes, da eine Buchverfilmung, da ein völlig neuer Plot. „Eigentlich irre, oder? Es geht immer weiter. „Na ja“, erklärt sie es sich, “Bücher werden ja auch immer neue geschrieben, obwohl man glauben könnte, es gäbe schon alles.“
Ihr Ehemann Frank war ehemals Vorführer in einem Kino auf der Frankfurter Zeil. Er wusste nichts von Anja Wenz’ Herkunft aus einer lokalen Kinodynastie. „Da hat er mich in das Frankfurter Kino eingeladen.“ Der erste gemeinsame Film? „Top Gun“. 
Ist man als Kinotochter in der Schule besonders beliebt? Sie lacht. „Kann ich nicht so sagen, nein. Obwohl ich bei manchem Verehrer den Verdacht hatte, er meine nicht nur mich, sondern auch die Freikarten. Wobei damals nicht viele etwas davon hatten, mich zu kennen. Eintrittsmäßig, meine ich.“
Die heutigen Jugendlichen seien anders, als in ihrer Generation, sagt sie. „Emotionsloser, schwerer zu begeistern. Man muss sich ja nur mal überlegen, welche Medien und Impulse heutigen Heranwachsenden zur Verfügung stehen. Da wird die Messlatte immer höher gelegt.“
Die Pubertätsgeneration ist ehedem nicht ihre Hauptzielgruppe. „Dafür kriegen wir die Blockbuster auch gar nicht zeitig genug auf die Leinwand.“ Anja Wenz setzt auf Cineasten, auf Gäste, die Kino nicht alleine als den freien Platz in zu engen Sitzreihen begreifen. In den beiden Sälen geht es großzügig zu. Modern und kommunikativ der eine, anheimelnd und liebevoll plüschig der andere, mit seinen großartigen Stehlämpchen auf den kleinen Borden vor den Sitzen. Und im Vorraum eine Ledersitzgarnitur, Stehtische, alles hübsch dekoriert und gar nicht von dem Habitus einer Notlösung – wie in so vielen anderen Kinovorräumen – geplagt. Anspruch wird Wirklichkeit.
Im Lichtspielhaus Groß-Gerau laufen auch Filme im Rahmen des Programms „Filmkunst in Hessen“. Das Kino hat sich außerdem längst zum Treffpunkt gemausert. Anja Wenz vermietet die moderne „Cinebar“ auch für Veranstaltungen und Feiern. Donnerstags und freitags gibt es dort ab 22 Uhr Barbetrieb. Ohne Film, dafür schwimmen als Pausenbild Fische über die Leinwand. Samstags ist Wunschfilmnacht. Per (geheimer) Abstimmung (Gruppen, die sich einig sind, sind da klar im Vorteil) entscheidet das Publikum über einen Film aus dem aktuellen Programm. Einmal im Monat lockt sonntags um 10.15 Uhr die Matinee. Frühstücksbüffet mit anschließendem Film aus dem Filmkunstprogramm. Anja Wenz’ Traum: „Barbetrieb in der ‚Cinebar’, dazu alte Schwarzweißstreifen. Laurel & Hardy und so.“ Bisher ist das an rechtlichen Problemen mit den Verleihern gescheitert. 

Zahlen, Preise und Zeiten

Zwei Säle: „Lichtspielhaus“ (107 Plätze) und „Cinebar“ (46 Plätze). Zwei Mitarbeiter. Kommunales Kino (dienstags): 2,50 Euro (Mitglieder), 4 Euro (Nichtmitglieder). Filmkunstvorführungen kosten 5 Euro. Samstägliche Wunschfilmnacht: 4,50 Euro.
Kinderfilme (4,50 Euro) samstags und sonntags 15 und 15.15 Uhr, reguläre Filme (6,50 Euro) täglich 19 und 20 Uhr. Sonntagsmatinee inklusive Frühstücksbüffet: 11 Euro. Rauchertage sind donnerstags, freitags, samstags und sonntags. An den restlichen Tagen und generell vor 18 Uhr ist Rauchen verboten.

Lichtspielhaus & Cinebar Groß-Gerau, Mittelstraße 1, Groß-Gerau, Telefon 06152 2521, www.kino-gross-gerau.de.      

Jürgen Buxmann

 

 

     

 

 

  

 

 

 

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