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War-Room mit Sozialgestühl

Die Filminsel Biblis ist ein kommunales Kino mit viel Sinn für Kleinigkeiten

Details, an ihnen erkannt man den Sinn für das Ganze. Die „Filminsel Biblis“, ein kommunales Kino, strotzt vor Details. Es sind liebevoll zusammengetragene Details.

Manche sind groß, fast übermächtig, andere klein, irgendwie pittoresk – und fast zu übersehen. Wer das Foyer des kleinen Kinos betritt, wird zunächst beinahe erschlagen von einem übergroßen Plakat. Es zeigt eine Zeichnung des Setdesigners Ken Adams, der darauf den Entwurf für den „War-Room“ aus dem Film, der in Deutschland „Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben“ heißt, kritzelte. Das Plakat haben die Bibliser Kinoleute den Machern einer Cineastenausstellung abgeluchst. Ganz klein darunter, man muss es suchen, stehen Details und eine Anekdote zu dem Motiv der übergroßen Kohlezeichnung. Der „Dr. Seltsam“-Film, eine der größeren cineastischen Leistungen Stanley Kubricks, muss auch Ronald Reagan, dem verstorbenen Ex-Präsidenten der USA, bekannt gewesen sein. Als der ehemalige Westernstar ins Weiße Haus ritt, soll er gleich zur allgemeinen Verdutzung verlangt haben, ihn in den War-Room zu führen. Wie man Reagan den Unsinn ausredete ist nicht verbrieft. Beim Lesen des kleines Hinweisschildes beschleicht einem der Verdacht, Reagan könnte im „White House“ vielleicht sogar fündig geworden sein.
Derlei Anekdoten amüsieren Andreas Aust, einen der beiden Vorstände des Vereins, der das Kino trägt. Vor gut zwanzig Jahren gründete sich der Verein, er hat heute rund 400 Mitglieder. Doch Aust ist niemand, der sich lange amüsiert. Zu viel Arbeit lauert im Kino. Und zu viele Details, die Aust gerne vorzeigt. Die mühsam zusammengetragenen und säuberlich aufgehängten Bildchen von Leinwandgrößen, die die Sitzecke schmücken. Oder die noch immer hübsch straffen roten Kinosessel (Aust: „Die sind Baujahr 1958.“), die aus dem „Europa“-Kino in Worms stammen. Vom Darmstädter „Helia“ stammen die Logensessel, nur die modernen Ledersofas in der den Mitgliedern des Vereins vorbehaltenen intimen Galerie stammen aus keiner Restmasse. Sie sind von Ikea. „Passt doch“, sagt Aust lachend. Ja, es passt.
Das Neonleuchtschild „Kasse“ hing mal im „Alhambra-Kino“ in Mannheim.
Aust könnte noch lange mal hier, mal dort auf ein Detail deuten und hätte eine passende Anekdote dazu. Die Filminsel ist Entdeckungsland für Nostalgiker.
Im Vorführraum steht ein Gerät von „Ernemann Zeiss Ikon“, der legendären Projektorfirma. „Uralt, aus 1952, aber läuft. Und es gibt sogar noch Ersatzteile dafür“, freut sich Aust, der Elektroingenieur. 
Sozial und kulturorientiert, dass passt auf das Bibliser Kino. Die Süßigkeiten die man unterhalb des Neonschildes kauft, werden „nur knapp über dem Einkaufspreis verkauft. Wir wollen niemanden abzocken“, sagt Aust. Mit den Eintrittspreisen klappt das sowieso nicht. Eine Erhöhung sei immer mal wieder im Gespräch, „aber wir machen keine.“ Kino, seine Kultur, die Mitglieder, die Gäste - „das alles steht bei uns im Mittelpunkt. Nicht der Kommerz.“ Die Haltung geht auch deswegen gut, weil das Kino einen Zuschuss der Gemeinde Biblis bekommt. Geht am Gebäude was kaputt, sorgt die Kommune außerdem für die Reparatur. Denn ihr gehört das Gebäude.
Die Filminsel hat mit diesem Konstrukt und der starken Hand der Kommune im Rücken Erfolg. Gerade hat der 111.111 Besucher Platz auf einem der roten Sessel genommen, im Schnitt tun das auch rund 7.000 andere Besucher im Schnitt der letzten Jahre.
Andreas Aust zeigt ein neues Detail. Weil die Filmverleiher nur noch die Großkinos bei den Bundesstarts der Filme bevorzugen, schauen kleine Kinos oft in die Röhre, erhalten aktuelle Filme erst sehr spät. Ein paar Mal, habe man dennoch Filme zum Bundesstart anlaufen lassen können. Zum Beweis hängen die Bändersiegel der Filmrollen mit kleinen Handzetteln dekoriert im Vorführraum. Und erinnern daran, dass einst ein „James Bond“ am Tag seines Bundesstarts um 0.07 Uhr in der Filminsel gezeigt wurde. Schneller als anderswo.
Das Mosaik der Details ergibt in der unscheinbaren Bibliser Seitenstraße eben ein wunderschönes Ganzes.
Das Gebäude der Filminsel stammt aus dem Jahre 1905. 1951 wurde es Kino, 1982 schloss der Betreiber den Laden. 1986 begann die Geschichte der Filminsel. Ein Verein wurde gegründet, die Kommune gab Beistand, finanziell und auch sonst. Wer Mitglied im Verein ist, zahlt pro Film 2,50 Euro (und darf – er muss aber nicht-  auf die Ikea-Sofa hoch oben auf der Galerie). Nichtmitglieder müssen unten auf bequemem rotem Second-Hand-Gestühl sitzen und legen einen Euro mehr hin. Der Jahresbeitrag für Mitglieder liegt bei zwölf Euro. Darin enthalten ist der Service, das Programm zugeschickt zu bekommen. Die Filminsel hat 153 Plätze. Gespielt wird freitags (20 Uhr), samstags (20 und 22.30 Uhr), sonntags (20 Uhr) und sonntags um 17 Uhr ein Kinderfilm.

Filminsel, Hintergasse 3, Biblis, 06245 3008, www.filminsel-biblis.de

Jürgen Buxmann 

 

     

  

 

 

 

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