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Brennessel-Programmkino in Hemsbach –
das Kino für Eingefleischte im cineastischen Ödland

Rote Sessel haben viele Kinos. Im Hemsbacher Programmkino „Brennessel“ gibt es freilich nicht nur rote Sessel. Wer einen Kinobesuch als zwischenmenschlichen Andockversuch oder einfach nur als kuscheliges Zu-zweit-Erlebnis versteht, der kann sich auch in den hinteren und urgemütlichen Zweierkojen niederlassen. Dann stört keine Armlehne mehr. Programmkinos sind entlang der Bergstraße dünn gesät. Seit sich in Darmstadt, Mannheim und Heidelberg die Großkinoschuppen breit gemacht haben, gab ein Programmkino nach dem anderen auf. Geblieben ist ein cineastisches Ödland, das beinahe ausschließlich mit Blockbustern den Mainstream bedient.

Geblieben ist immerhin aber als Kinoinsel für eingefleischte Filmkunstliebhaber das Brennessel-Programmkino in Hemsbach. Die Gäste sind treue Gäste. Vielleicht schätzen sie die wohnzimmerhafte Atmosphäre des Vorraums mit seinem großen Holztisch, der etwas von einem WG-Gemeinschaftsraum vorgaukelt. Wahrscheinlicher ist aber, dass die Gäste aus dem ganzen Umland von Darmstadt bis Mannheim die Programmauswahl schätzen. Für die zeichnet Brennessel-Betreiber Jürgen Bieler (39) verantwortlich. Filme, die in den großen Megakinos gar nicht erst laufen und auch Filme, die dort längst nicht mehr laufen, werden in der „Brennessel“ gezeigt. Koproduktionen zwischen Frankreich und Hongkong etwa, Filme aus China oder Großbritannien, das wie viele andere Länder oft zu Unrecht kaum im Verdacht steht, keine Filmkunstnation zu sein.

„Filmkunst“, bei dem Begriff, gerät Bieler ins Schwärmen. Er, der einst als Jugendlicher die nach heutigen Maßstäben behäbige ARD-Produktion „Kennen Sie Kino“ mit Hellmut Lange verschlang, hat eine zunächst abfällige Interpretation parat. „Filmkunst, das sind Filme die keiner sehen will.“ Die aber vermisst würden, wenn es sie nicht gäbe. Dazu zählt er auch die Filme aus den USA, die dort anderswo als an der von Oscar, dem Award umnebelten Westküste erdacht und produziert und schließlich auch gedreht werden. „Wir zeigen von klitzekleiner Filmkunst, über gehobenen Mainstream bis zu Crossover-Filmen alles“, so beschreibt Bieler sein Kino.

Bieler kennt die Nöte von Programmkinos. Doch das Klischee vom vermeintlich größten Feind der Kinos, der DVD, mag er nur zum Teil bestätigen. „Natürlich macht es uns zu schaffen, wenn ein Film sechs Monate nach seinem Kinostart schon auf DVD zu haben ist. Aber ein noch größeres Problem sind die Raubkopierer und die Verleih- und Vermarktungspolitik der Filmgesellschaften. Vor allem die Vermarktungspolitik gegenüber den TV-Sendern.“ Ausgerechnet der Michael-Moore-Streifen „Fahrenheit 9/11“ sei nur wenige Wochen nach seinem Kinostart bereits im deutschen Free-TV zu sehen gewesen. Und er war es nicht nur hierzulande. „Da macht man sich als Kino doch unglaubwürdig. Eben noch verlangt man Eintritt für so einen Film, da ist er schon frei im Fernsehen empfangbar. Das ist ein großes Problem für uns Kinos.“ Ebenso wie die von den Gesellschaften vorgegebene Auswertungszeit der Filme. „Wenn ich merke, dass ein Film gut läuft, kann ich nicht flexibel die Ausleihzeit und damit die Vorführzeit verlängern. Das geht erst wieder nach Monaten, ihn ins Programm zu bringen. Das ist ein Riesennachteil.“

Die „Brennessel“ setzt auf Atmosphäre. Ein weißes Klavier im Vorführraum erinnert an die Zeiten, als Stummfilme noch live bei Vorführungen beklimpert wurden. Das Guckloch der Kasse sieht aus, wie zu Wirtschaftswunderzeiten. Dunkles Holz allüberall, gepaart mit neckisch buntem Glas. Dazu der leicht plüschige Stil der beiden Vorführräume. Irgendwo steht dann auch der obligatorische alte Filmprojektor zur Zierde. Knabberein und Getränke werden günstig verkauft. Von Abzocke keine Spur. Wohltuender Kontrast zum Filmpalasteinerlei in den Kleinmetropolen des Umlandes. Und wer will ist ganz schnell mit Bieler in einem Cineastenfachgespräch versunken. Undenkbar an der Popcorntheke eines Cinemaxx. In Hemsbach indes an der Tagesordnung. Und hoffentlich noch lange, sagt Bieler. „Mein größter Wunsch ist es, dass Kinos in all ihren Formen - ob als Megapalast oder als kleines Programmkino - auch in zehn Jahren noch existieren können. Vielfalt ist wichtig in Kinobereich. Deshalb schließe ich da auch die Großkinos bewusst ein.“

Doppelt reflektiert

Das Brennessel-Programmkino gibt es seit 1982. Ein Kino gibt es in dem unscheinbaren Haus an einer der unwirtlichsten Straßenecken der Bergstraße schon seit 1927. 1997 übernahm Jürgen Bieler das Kino, nachdem er dort schon als Vorführer gearbeitet hatte und sich der seinerzeitige Betreiber zurückzog. Es gibt zwei Säle (120 Plätze und 45 Plätze), wegen Platzmangel wird im kleinen Saal der Film via doppelter Spiegelreflexion (und damit seitenrichtig) gezeigt. Pro Abend laufen zwei Filme, am Wochenende drei. Die Preise liegen bei 5,50 Euro (ermäßigt 4,50 Euro). 35.000 Besucher kommen pro Jahr. Zehn Mitarbeiter hat das Kino.
Die Klientel beschreibt Bieler mit „sehr unterschiedlich.“ Einen Nenner will er zunächst nicht formulieren, lässt sich dann doch dazu verleiten. „Wohl ein Bildungsbürgertum.“ Nicht die ganz jungen Kinofans, nicht die ganz alten. „So in dem Dreh zwischen 30 und 50 Jahren. Im Schnitt“, sagt er. Die meisten Filme laufen eine, maximal zwei Wochen. Zum Namen kam das Programmkino durch seinen Anspruch. „Ungewöhnlich sein, unbequem sein, stechen können mit der Programmauswahl“, beschreibt Bieler das Credo. Das Brennessel-Programmkino ist seit 1997 mehrfach für sein „herausragendes Jahresfilmprogramm“ von der Bundesregierung ausgezeichnet worden. Dazu kommen seit 1997 regelmäßige Auszeichnungen der Medien- und Filmgesellschaft des Landes Baden-Württemberg.  (bux)

Brennessel-Programmkino, Landstraße 35 (B3), Hemsbach, Telefon 06201 43185. www.brennessel-kino.de. Das Programmheft liegt an zahlreichen Stellen im Umland aus oder kann via Homepage für 8,50 Euro abonniert werden. Parkplätze gibt es für Kinobesucher an der B3 in Richtung Laudenbach auf dem Gelände der Firma Stöcker-Automobile (150 Meter vom Kino entfernt).

 

     

  
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