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2500 ausverkaufte Vorstellungen am Stück

Feuilleton? Egal! Das „Kikeriki-Theater“ in Darmstadts Stadtteil Bessungen hat seit 26 Jahren das Publikum im Blick - nicht die Kritiker.

„Comedy Hall“ und „Kikeriki-Theater“ – was soll die Differenzierung? Roland Hotz, beider Chef, erklärt es beinahe verständnislos. Müsste man doch wissen, impliziert er. „Die ‚Comedy Hall’ ist das Gebäude, das ‚Kikeriki’ das darin befindliche Theater.“ Ach so.
Die „Comedy Hall“ ist eine ehemalige Turnhalle und liegt an einer der unwirtlicheren Stellen von Darmstadts Stadtteil Bessungen. „Vorort“ sollte niemand zu Bessungen sagen, der nicht von den Stadtteilbewohnern mit Verachtung gestraft werden möchte. Man ist ältester Stadtteil, fühlt sich auch so, wenngleich man sowohl baulich wie auch mental mit Darmstadt so viel zu tun hat, wie die Fußballnationalelf mit der Weltmeisterschaft. Man ist zwar dabei, hat aber viel Mühe mit den anderen Teilnehmern und steigt früh aus allem aus. Hotz wird es als Ehre empfinden, dass in Verbindung mit der „Comedy Hall“ von Bessungen und selten von Darmstadt gesprochen wird.
1996 schuf Hotz, Spross eines Bühnenkünstlers, die „Comedy Hall“. Das „Kikeriki-Theater“ gab es da schon seit 1980. Die Verenglischung nehmen ihm die bodenständigen Menschen in seinem Stadtteil anfangs übel, inzwischen haben sie den Kunstgriff vergessen oder Volkhochschulkurse für Englisch besucht. Akzeptiert haben sie den Namen allemal.
Von 240 Plätzen aus kann man in der „Comedy Hall“ pro Jahr rund 270 Aufführungen des „Kikeriki-Theaters“ für Erwachsene und rund 80 Aufführungen des „Kikeriki-Kindertheaters“ sehen. Und die gehören zu einer Gattung, die man in einer Stadt nicht vermisst, so lange es sie nicht gibt. Und die man um nichts mehr in der Welt missen möchte, wenn es sie erst einmal gibt. Puppencomedy der feinsten Gattung (wohlgemerkt: für Erwachsene) – man muss weit fahren, um Ähnliches zu finden. Persiflagen, selbstgestrickte Themen in selbstgebauten Stücken – Hotz und sein neunköpfiges (hauptberufliches) Ensemble wagen viel und gewinnen dabei. Seit 26 Jahren, also schon vor dem Standortwechsel in die alte Turnhalle, die seinerzeit mit viel Aufwand und rund zwei Millionen Mark umgebaut wurde, gibt es das „Kikeriki“ in der Stadt am Woog. 2500 ausverkaufte Vorführungen in Folge vermeldet Hotz zu Anfang Januar. Er erwähnt es keinesfalls beiläufig. Nichts in Bessungen ist eben beiläufig. Erfolge schon gar nicht. Vielleicht weil sie selten sind, in einer Gegend, die beim Freizeitwert und mit ihrer wenig abwechslungsreichen Kneipenkultur gegenüber der Innenstadt mit ihren Vierteln in den vergangenen Jahrzehnten so stark abfiel. Ein Lichtblick ist auch hier ohne die „Comedy Hall“ nicht denkbar. Deren Gastronomie genießt ihren guten Ruf über die Theaterszene hinaus. Bodenständig und doch nicht normal. So kommt die Bessunger Weltanschauung bis auf die Teller. 
Das Kinderpublikum wird im „Kikeriki“ unter anderem mit Fabeln und Märchen bespielt. Ist eine Vorstellung an einem Tag ausverkauft, wird schon mal eine zweite angesetzt. Weil das „Kikeriki“ früh ausverkauft ist, wird der Ausweichtermin entsprechend früh angesetzt. Und ist dann wieder ausverkauft. Eine Erfolgsstory.
„Unser Konzept gibt es bundesweit kein zweites Mal“, behauptet Roland Hotz. Bezüge zur Region, regional agieren und sich regional darstellen – das will Hotz und es gelingt ihm. „Modernes Volkstheater“ biete er mit seinen Leuten. „Wie gesagt: modern.“ Die Erweiterung ist ihm wichtig. Und sie klingt bei ihm durchaus wie eine Erweiterung und nicht wie eine Einschränkung.
Mitunter kommen mehrere Generationen in die Vorstellungen. Sechzehnjährige sitzen mit Achtzigjährigen traut im Saal. „Wo hat man das in dieser Regelmäßigkeit sonst“, fragt Hotz und definiert munter weiter. „Zu uns kommen viele Menschen, die sonst kein anderes Theater von innen kennen.“ Tue Gutes und rede darüber. Hotz wandelt das gerne zum Motto „Sei gut und sage das jedem“ aus. Der „Alternative Theaterführer für Deutsche und Deutschland“ definierte Hotz’ Motto 1999 so: „Fühle dich gut und sage es jedem.“ Den einst kultigen Theaterführer gibt es schon nicht mehr. Hotz hat sein Motto indes konsequent kultiviert.
Manchmal ist er genervt, angesichts eines von Eitelkeit und intellektueller Masturbation geprägten Theaterbetriebs. „Ich habe die Unterscheidung zwischen Unterhaltungstheater und dem sogenanntem ‚Ernsten Theater’ nie verstehen können.“ Vielleicht wollte er es einfach nicht. Und vielleicht hat er mit seiner Weigerung schlicht Recht. Theater wird nicht für die Kritiker, sondern für das Publikum gemacht. Das Modell mag Schwächen haben, im Falle „Kikeriki“ funktioniert es prächtig. „Geschichten erfinden, Menschen unterhalten, Freude säen“ – Roland Hotz’ Theaterwelt ist klein. Und fein.

Comedy-Hall und Kikeriki-Theater, Heidelberger Straße 131, Darmstadt (Bessungen!), Tel. 06151 964260 und 964266, www.comedy-hall.de, www.kikeriki-theater.de

Glaubensbekenntnis á la „Kikeriki“

Auf der Internetseite des Theaters steht es geschrieben: das Selbstverständnis von Hotz und Co.: „Wir sind keine Schauspieler und keine Künstler, wir sind keine Kabarettisten und keine Bildungsbeauftragten, wir sind wahrscheinlich auch keine Puppenspieler; wir sind Komödianten, Gaukler, Possenreißer und Narren, die dem Volk aufs Maul schauen und für das Volk Theater spielen. Uns ist es egal, ob wir im Feuilleton einer Zeitung besprochen werden oder ob man unsere Arbeit als eine Kulturbeitrag sieht. Aber es macht uns stolz, wenn die Menschen, die in unserer Region leben und arbeiten, zu uns kommen, sich wohlfühlen und für ein paar Stunden die Probleme unserer Zeit vergessen können.“

Jürgen Buxmann

 

 


                        

     

 

  
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