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Autokino Gravenbruch

Kinosessel auf vier Rädern - Rauchen und Selbstversorgung erlaubt

Ob Baby oder Kleinkind, Oma und Opa und sogar der Hund und die Katze – alle dürfen mit. Dazu noch der Picknick-Korb in den Kofferraum und ab geht’s ins Kino. Die Invasion derartig ausgestatteter Familienverbände würde die meisten Kinobetreiber nicht sonderlich begeistern, aber in Gravenbruch bei Neu-Isenburg sind sie herzlich willkommen. Autokino ist eben anders.
Die Geschichte der Autokinos begann 1933 in den Vereinigten Staaten, wo das Drive-In-Cinema in den 50ern und 60ern seine Glanzzeit erlebte. Rund 4000 dieser Einrichtungen gab es in Amerika und so manches kleine Lichtspielhaus musste wegen dieser Konkurrenz schließen. In Deutschland boomte es nicht ganz so heftig, mehr als zwei Dutzend dieser Kinos waren es nie. Das Autokino in Gravenbruch machte 1960 den Anfang, weitere in der Nähe anderer Großstädte folgten und viele davon schlossen zwischenzeitlich wieder. Übrig bleiben: Aschenbach bei München, Essen-Bergeborbeck, Kornwestheim bei Stuttgart, Porz-Eil bei Köln – alle im Besitz des gleichen Betreibers wie Gravenbruch - sowie Ramstein-Miesenbach und Schwelm bei Wuppertal. Anfang der Neunziger, nach der Wiedervereinigung, wurden in den neuen Bundesländern sieben weitere Autokinos neu eröffnet und sind auch noch in Betrieb.
Sie haben noch immer ihre Fans, diese etwas anderen Kinos – ob bei den Familien oder den junge und älteren Pärchen, ob bei Besitzern von Rostlauben oder von Nobelhobeln. Im eigenen Auto ist die Freiheit einfach größer, ob es um das ungestörte Schmusen geht oder um die individuelle Selbstversorgung. Natürlich können auch Raucher unbehelligt ihrem Laster frönen und Kommentare zum Film stören höchsten die unmittelbaren Begleiter.
Schon zwei Stunden vor Beginn des Hauptfilms warten die ersten Besucher vor den nostalgischen gelben Kassenhäuschen in Gravenbruch. Die besten Plätze vor der 540 Quadratmeter großen Leinwand sind heiß begeht. Damit jeder gut sieht, ist der Boden leicht wellenförmig, so dass die Vorderräder der Autos erhöht stehen. Der Ton kam früher über Lautsprecher, die ins Auto gehängt wurden. Inzwischen kommt er per Funk, auf UKW-Frequenz 91,5 MHz plappert Nicole Kidman direkt aus dem Autoradio. Allerdings nur auf dem Gelände, schon kurz dahinter bricht der Empfang ab. Selbstversorgung ist ein Kann, aber kein Muss – und der Duft von Popcorn, Pommes und Hamburgern lockt förmlich in die Snack-Bar.
Filmtheaterchefin in Gravenbruch ist Helga Lehne. Vor 37 Jahren begann sie als Süßwarenverkäuferin im Drive-In, der Autokino-Gaststätte. Einen Großteil ihres Lebens verbrachte sie also im Autokino – und blieb dabei jung. Ihre 64 Jahre sieht man ihr nicht an, aber dennoch geht sie nächstes Jahr in den Ruhestand. Mit Heiko Desch, derzeit Vorführer, ist die Nachfolge bereits geregelt. Auch er ist Idealist und Cineast genug, um das Kino zu seinem Lebensmittelpunkt zu machen. Gespielt wird immer, außer an Heiligabend und Silvester. Jeden Tag stehen zwei Filme auf dem Programm. Beginn des ersten Films ist logischerweise bei Einbruch der Dunkelheit – dass es somit jeden Abend sehr spät wird, versteht sich von selbst.
Hauptsaison ist im Sommer und je heißer und trockener dieser ist, desto besser läuft das Geschäft. Allerdings muss auch im Winter niemand frieren: Die Besucher können sich ein Heizöfchen fürs Auto ausleihen. Dann machen auch die vor einigen Jahren erneuerten Säulen, die früher der Tonübermittlung dienten, wieder Sinn, eben als Anschluss für den Ofen. Gespielt wird bei jedem Wetter, zum Abbruch können höchsten heftiger Schneefall oder dichter Nebel führen. Wenn das der Fall sein sollte, gibt es einen Gutschein für einen weiteren Kinobesuch.
Früher erhielten die Autokinos von den Filmverleihen nur Zweitverwertungsrechte – die Filme flimmerten mit mehrwöchiger Verspätung über die Leinwand. Das hat sich inzwischen geändert, Bundesstarts bestimmen das Programm. Ein Überbleibsel aus früherer Zeit: Die kleine Pause, die einst dem Wechsel der Filmrolle diente und heute für den Gang zur Futterbude genutzt wird.
Die Technik ist auf modernstem Stand, der gute alte, zuverlässige Bauer-Projektor im Vorführraum kommt nur bei den Vorfilmen und Werbetrailern zum Einsatz – oder wenn der neue Projektor wegen technischer Probleme ausfällt. Im kommenden Jahr sollen auch das Drive In, die Snack-Bar und die Kassenhäuschen modernisiert werden. Für die gastronomischen Einrichtungen mag das angebracht sein, aber um den nostalgischen Charme des Eingangsbereiches ist es schade.
Aber die Hauptsache ist ja, es geht weiter in Gravenbruch. Und das tut es definitiv, sogar eine zweite Leinwand ist im Gespräch. Zwar ist der Autokinobetrieb, ebenso wenig wie Kino überhaupt, in finanzieller Hinsicht keine Goldgrube. Aber das Gelände – seit vergangenem Jahr im Besitz des Starnberger Betreibers – lässt sich tagsüber ja auch anderweitig nutzen. In Gravenbruch geschieht das mit dem großen Gebrauchtwagenmarkt allwöchentlich samstags. Also eine fruchtbare Verbindung aus Kommerz und Kultur.
Zu finden ist das Autokino Gravenbruch ganz leicht: von der A3 am Offenbacher Kreuz runter Richtung Dietzenbach – und schon ist es ausgeschildert. Und der Besuch lohnt sich, nicht nur für Nostalgiker – Autokino ist eben anders, irgendwie total kultig.

 


Der Eintritt im Autokino Gravenbruch beträgt sechs Euro pro Person und Film, bei Überlänge sieben Euro. Wer beide Filme sehen will, zahlt insgesamt zehn Euro, elf Euro bei Überlänge. Reservierung ist nicht nötig, es ist Platz für 800 Autos. Vorausgesetzt, es wird gesittet geparkt und es stehen jeweils zwei Wagen zwischen den Säulen. Dass jemand wieder weggeschickt wird, weil das Kino restlos ausverkauft ist, geschieht selten bis gar nicht. Durch die Unabhängigkeit von den Säulen passen notfalls noch ein paar mehr Autos aufs Gelände. Das Tonsystem ist Dolby über UKW-Funk, die Leinwand 15 Meter hoch und 36 Meter breit und die Lichtleistung beträgt 7000 Watt.

Autokino Gravenbruch, Am Forsthaus Gravenbruch/Aussenliegend, Neu-Isenburg, Tel. 06102 5509, Programmansage Tel. 06102 5000, www.autokino-deutschland.de.

 

 

     

 

  

 

 

 

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