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Freilichtmuseum Gottersdorf - Besuch in einem Dorf von gestern

An dem alten Fischweiher von Gottersdorf leuchtet das tiefblau angestrichene Schäferhaus hervor. Das markant farbige Gebäude ist das Erkennungsmerkmal des Odenwälder Freilandmuseums. Um 1780 wurde es im benachbarten Gerolzahn gebaut wo es, zuletzt mit Eternitplatten verkleidet, vor sich hindümpelte. Sein jetziger Zustand zeigt originalgetreu, wie es noch um 1940 von der vielköpfigen Schäferfamilie Schmieg bewohnt wurde. Aus dieser Zeit ist auch dokumentiert dass die Stieftochter, Babette Streun, noch als Hausiererin über „die Höh“ zog.
Die Bevölkerung in dieser Gegend war von jeher arm. Die sprechende Bezeichnung „Badisch Sibirien“ ist in etwa auf die Region gemünzt, die sich vom hinteren Odenwald bis hin zu Teilen der Tauber und das angrenzende Bauland erstreckt. Hier liegt die Temperatur um zwei Grad unter dem Jahresmittel am Oberrhein. Wenig ertragreiche Böden, lange Winter und vielfach nasse Sommer machten das Gebiet trotz seiner landschaftlichen Schönheit wenig attraktiv. Die Landwirtschaft konnte einen Großteil der Bevölkerung mehr schlecht, als recht ernähren; als Beleg für häufige Missernten wird gerne die „Erfindung“ des Grünkerns im Bauland genannt. Hinzu kam eine schlechte Infrastruktur, die den Bewohnern den Ruf des Hinterwäldlerischen einbrachte.
Die historische Lebens- und Arbeitsrealität vom Bauland bis zum Hinterem Odenwald – eine Baugruppe „Unterer Neckar“ ist noch nicht realisiert – will das Odenwälder Freilandmuseum anhand verschiedener Gebäude und ihrer Einrichtung bewahren und dokumentieren. Um möglichst die originale Bausubstanz zu erhalten, werden die einzelnen Gebäude in Großteilen versetzt. Unter welchen Voraussetzungen eine solche Translozierung erfolgt, kann der Besucher in einer eigenen Ausstellung nachvollziehen. Ein wichtiges Auswahlkriterium für die bislang 16 Gebäude war neben der typischen Bauweise die möglichst lückenlose Dokumentation ihrer Entwicklungsgeschichte. Nach diesen Informationen – jeweils im Zustand einer bestimmten Epoche – werden die Häuser von innen und außen so originalgetreu wie möglich präsentiert. Aus diesem Grund konzentrierte sich Museumsleiter Thomas Naumann zunächst auf die Gebäude, für die sich noch Bewohner oder zumindest Zeitzeugen finden ließen. Auf diese Weise konnte etwa die Postagentur, die sich von 1919 bis 1932 in einem Wohnhaus aus Neckarburken befand, rekonstruiert werden. Im Fall des Tagelöhnerhauses aus Walldürn konnte eine ehemalige Bewohnerin wichtige Hinweise auf die damaligen Lebensumstände geben.
Wie sehr das vermeintliche Idyll des Dorfes mit seinen bunten Bauerngärten, der Gänseweide und dem durchfließenden Bächlein trügt, erfährt der Besucher beim Betreten der Häuser. Vor allem die unteren sozialen Schichten litten unter der räumlichen Beengtheit, wo für Wohnen, Wirtschaften und Schlafen häufig ein einziges Zimmer ausreichen musste. Aus Platzmangel wurden die Kinder an die Decke gehängt oder in Schubladen gesteckt, erzählt Thomas Naumann. Brütende Hühner kamen in den Küchenschrank oder in einen Verschlag unter der Treppe, der Ziegenstall befand sich neben der Küche. Die Sorge um ein Auskommen lässt sich fast überall ablesen. Der soziale Abstieg,  wie im berührenden „Aloysenhäusel“ aus Oberwittstadt zu sehen ist, war eine stetige Gefahr.
Was – bescheidener – Luxus bedeutete, lässt sich am ehesten noch an dem einstmals recht wohlhabenden Hof Schüßler ablesen, der einzige Bau übrigens, der in Gottersdorf an seinem angestammten Platz steht. In ihm sind so gut wie alle Epochen seit Bestehen des Hauses dokumentiert. Eine Besonderheit sind die bei den Restaurierungsarbeiten freigelegten religiösen Wandmalereien aus dem 19. Jahrhundert. In den unteren Wohnräumen sind die letzten Modernisierungsarbeiten der Besitzer um 1950 vor allem an der Möblierung erkennbar. Der Schüßler-Hof, um 1725 erbaut, wurde 1970 aufgegeben und durch die Initiative des Freilandmuseum vor dem Abriss bewahrt.
Anhand vieler Gebäude lässt sich die Entwicklungsgeschichte im ländlichen Raum verdeutlichen. Die Unterschwarzacher Ziegelhütte aus dem Jahr 1789 markiert auch einen Wendepunkt im Hausbau. Nachdem das Monopol der Städte und Klöster auf die Ziegelei weggefallen war, konnten mehr und mehr die strohgedeckten Dächer durch Dachziegel ersetzt werden. Der Übergang vom Fachwerkbau zum massiven Steinhaus begann um 1870 mit der beginnenden Technisierung. Für diesen Gebäudetyp steht das Armen- und Gemeindehaus, das ursprünglich in Reichartshausen seinen Standort hatte.
Dauerausstellungen, etwa zur Ziegelbrennerei, Grünkerndarre oder historischen Wanddekorationen, mehrmals im Jahr stattfindende Handwerkertage und besonders das Grünkernfest im Juli führen die vergangene Arbeits- und Lebenswelt zusätzlich lebhaft vor Augen. Wer an Sonn- und Feiertagen kommt, kann in der Museumsschänke „Zur Krone“ einkehren wie in alten Zeiten oder dem Imker einen Besuch abstatten. Aber auch ohne diese Zusatzangebote wirkt das Dorf keinesfalls ausgestorben, so gegenwärtig ist hier die Vergangenheit. Und sie berührt die Besucher emotional. Immer wieder kommt es vor, so Thomas Naumann, dass jemand einen alten Gegenstand abstellt, weil er hierher passt. Oder Kinder „spenden“ ein kleines Plastikspielzeug an ihresgleichen, als könnten sie jederzeit wieder hereinkommen.

Odenwälder Freilandmuseum, Walldürn-Gottersdorf. Tel. 06286 320, www.freilandmuseum.com. Öffnungszeiten: April und Oktober: 10 bis 17 Uhr, Mai bis September: 10 bis 18 Uhr, montags geschlossen, außer an Feiertagen.

 

 

     

 

 

 

  
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