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Konrad Franz und seine Herberts

Der Holzbildhauer in der alten Dorfkirche von Hausen

Schon auf dem Vorplatz der Kirche wird der Besucher von einer Skulptur empfangen. Trotz ihrer Riesenhaftigkeit wirkt sie erschütternd fragil. Das Spindeldürre der Figur ist durch die Überlänge der einzelnen Körperteile ins Extreme gesteigert, auf dem nicht enden wollenden Hals sitzt ein winziger Kopf, der wie Hilfe suchend ins Leere blickt. Der Eindruck einer leidvollen Erfahrung wird verstärkt durch die grobe Bearbeitung des Holzes, dem bevorzugten Material von Konrad Franz. Doch obwohl die Figur fast zusammenzubrechen scheint unter einer unsichtbaren Last, strahlt sie eine ungeheure Autonomie aus.

Der 1954 geborene Holzbildhauer geht mit seinem Werkstoff nicht gerade zimperlich um. Mit Kettensäge und Axt rückt er seinen Werken zu Leibe, fügt ihnen tiefe Einkerbungen zu, zersplittert ihr Äußerstes und belässt sie schlussendlich meist in ihrer Nacktheit. Durch die brachiale Bearbeitung, so scheint es, fördert er ihr Innerstes zutage, doch er liefert seine Figuren nicht dem Betrachter aus. Vielmehr besitzen sie eine zwingende Eindringlichkeit.

„Herbert“ heißt eine Skulpturenreihe, die zwölf Arbeiten umfasst. Mal ist eine Figur in einen Blaumann gesteckt, mal mit Paketband umwickelt, eine andere trägt eine Augenbinde – seltsam gekrümmt stehen sie alle im Raum. „Herbert Willig“, „Herbert Verlässlich“, „Herbert Ehrlich“ – so stehen ihre Namen für sozial auferlegte Verhaltensnormen. Ihre Haltung markiert die seelischen Verformungen, die diese Gebote in ihrer kategorischen Befolgung hinterlassen. Der Mensch im sozialen Kontext ist ein wiederkehrendes Thema der Arbeiten von Konrad Franz.

Nach einer Ausbildung zum Krankenpfleger begann Franz auf einer Neuseelandreise erstmals, sich intensiver mit Holzbearbeitung zu beschäftigen. Das Material war ihm nicht fremd, arbeitete sein Vater noch als Wagner und stellte neben Wägen auch andere Arbeitsgeräte aus Holz her. Zurück in Deutschland besuchte Konrad Franz die Berufsfachschule für Holzbildhauerei in Michelstadt und arbeitet seit 1979 als freischaffender Künstler. In einem Nebenraum und auf der Empore der Kirche stapeln sich die Arbeiten, die er seitdem geschaffen hat.

Franz läuft durch sein Atelier, räumt hier etwas beiseite, zerrt dort etwas hervor und sinniert, was ihn bei diesen Werken umgetrieben hat. Manche ältere Arbeiten erscheinen ihm im Nachhinein zu symbollastig, doch im Hinblick auf seine künstlerische Entwicklung ergeben sie durchaus einen Sinn. Im Mittelpunkt steht meistens die Kreatur, seine Werke sind mit „Kopfmensch“, „Lasttiere“, „Macht“ betitelt – aber das ist nur die eine Seite des künstlerischen Werks von Konrad Franz. In ihrer Direktheit sehr schön und greifbar ist eine Arbeit mit dem Titel „Verwaltung“: Grob aus Holz gehauene Scheite als Büroordner, die mittels Eisenklammern miteinander verbunden sind, haben ihren eigenen Witz. So würde Franz es auch begrüßen, wenn die Leitz-Ordner-Reihen in den sterilen Büros durch seine Holzordner durchbrochen würden.

Andere Arbeiten von Konrad Franz sind mehr der konkreten Kunst zuzurechnen und betreiben die immanente Auseinandersetzung mit dem Material Holz. Ihre plastisch-räumliche Wirkung erzielen sie zum einen über die wesentliche Unbelassenheit des Materials, das jedoch in Teilen mit dem Spaltkeil, der Säge oder der Axt bearbeitet wurde. Aus ihnen werden Stücke herausgearbeitet, die sich jedoch wieder mühelos in die entstandenen Hohlräume einfügen lassen. Aufgespaltene Baumstämme stehen nicht beziehungslos nebeneinander, sondern wenden sich – je nach Wachstum – in einer eleganten Drehung einander zu. Eingeschlagene Naben bestärken die Vision, dass diese Teile immer wieder zu einem Ganzen zusammengefügt werden können. Anders, als in seinen figurativen Arbeiten, die den Menschen als vereinzeltes Wesen darstellen, der nur in Bezug auf sein unverbrüchliches Menschsein seine Würde bewahrt, verlagert sich die Thematik seiner konkreten Arbeiten auf den Aspekt der Beziehung, der Zusammengehörigkeit. Hier wird die Welt lichter, hoffnungsvoller. Er überlässt den Dingen ihre Form und, so scheint es, betont durch das Herausschneiden einzelner Teile die Freiheit – die Freiheit zu gehen, aber auch die Freiheit, sich wieder zu finden. Nichts ist verloren. Vielleicht liegt hier die positive Ausformung des tief verankerten Wunsches nach Unversehrtheit, die er seinen anthropomorphen Gestalten nicht mitgeben kann.

Für Interessierte hat Konrad Franz sein Atelier in der alten Dorfkirche in Hausen/Landkreis Miltenberg sonntags von 10 bis 13 geöffnet.

Text und Fotos: Andrea Kroll

     

 

  
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