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Odenwälder „Dippe“ mit 400-jähriger Tradition und modernen Akzenten

Tradition heißt nicht Anbeten von Asche, sondern Weiterreichen des Feuers. Dieser Spruch von Gustav Mahler könnte das Motto der Odenwälder Kunsttöpferei Müller & Dönig sein. Hier wird die Tradition gepflegt, aber jede Generation bringt neue Impulse ein, das Moderne, die Weiterentwicklung wird ebenso angestrebt und realisiert wie das Überlieferte gepflegt und weiter getragen.
Mindestens 400 Jahre reicht die Geschichte der Erbacher Töpferei zurück, womit der Alleinhersteller von Odenwälder Keramik in Erbach der älteste noch existierende Betrieb im Odenwaldkreis ist. Heute pflegt Bernd Dönig – mindestens schon in zehnter Generation – die bodenständige Handwerkskunst seines Vorfahren aus der Töpferdynastie, des Zentgrafen und Bürgervogts Benedikt Müller. Die rustikalen Krüge, Schalen und Teller zeigen die seit Jahren als Odenwälder Muster bekannten Motive wie Herz mit Blume, Lebensbaum, stilisierte Blüten und Schlangenlinien.
Alles entsteht in reiner Handarbeit an der Töpferscheibe. Die Farben werden mit dem Malhorn freihändig aufgetragen, wobei wie früher Rot und Beige, Blau und Grün dominieren. So entstehen mit Geschicklichkeit und Erfahrung feuerfeste, spülmaschinentaugliche und mikrowellengeeignete Gebrauchsartikel, die die Jahrhunderte alte künstlerische Tradition fortführen.
Seit dem Jahr 1609 befindet sich die Töpferei nachweislich im Familienbesitz. Standort des ersten Betriebs war an der Bahnstraße, gegenüber der Gräflichen Porzellanmanufaktur. Später wurde bei Erdarbeiten im „Graben“ unter anderem ein alter Brennofen gefunden, der darauf schließen lässt, dass die Töpferei schon im 15. Jahrhundert gegründet wurde und erst später an die Bahnstraße umsiedelte. Seit über hundert Jahren befindet sich der Betrieb an der heutigen Adresse und seit 1986 in einem wunderschönen Fachwerkhaus. Dieses 250 Jahre alte Gebäude wurde in Gräfenhausen abgetragen und in Erbach wieder aufgebaut.
Auf zwei Stockwerken ist das gesamte Sortiment der Töpferei zu sehen, aber neben der typischen Odenwälder Keramik bieten Bernd und Erika Dönig auch Produkte anderer Töpfereien wie das blau-graue Steingut aus dem Westerwald. Dazu gehört auch der Ebbelwoi-Bembels, obwohl das hessische Nationalgetränk im Westerwald kaum getrunken wird. Windlichter – zum Beispiel in Form des Michelstädter Rathauses – gefertigt in Litauen, gehören ebenso zum Angebot wie Töpferwaren aus Ungarn und dem Elsass.
Der Schwerpunkt liegt jedoch bei den Odenwälder „Dippe“ und diese sind in der ganzen Welt beliebt. 1956 reisten zwei Wandteller aus dem Hause Dönig nach Amerika, als Geschenk für Präsident Dwight David Eisenhower, dessen Vorfahren aus dem südlichen Odenwald stammen. Aber auch deutsche Staatsoberhäupter freuten sich schon über ein Präsent aus Dönigs Brennofen: 1975 erhielt Willy Brand einen Wandteller, 1982 Helmut Schmidt einen großen Krug. Als beliebtes Gastgeschenk der Stadt oder des Landkreises – nicht nur in Form des traditionellen Wiesenmarkttellers – verließen die schönen Stücke den Odenwald schon in alle Himmelsrichtungen.
Bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts kam das Rohmaterial aus den Tongruben bei Dorf-Erbach, aber diese waren dann erschöpft. Heute bezieht die Töpferei ihren Ton von einer Firma im Westerwald, die sich auf die Aufbereitung des Materials spezialisiert hat. Roter Ton aus dem Odenwald ist immer noch dabei, denn auf den „Vierstöck“ wird noch gefördert. Allerdings ist dieser Ton zu fett und wird, wie auch bayrischer roter Ton, dem weißen Westerwälder zugemischt.
Die Herstellung der Stücke – jedes ist ein Unikat – nimmt einige Zeit in Anspruch. Nachdem es auf der Töpferscheibe geformt wurde, muss es, je nach Wetterlage, bis zu 14 Tage trocknen. Zehn Stunden werden die irdenen Gegenstände im Ofen bei Temperaturen bis zu 1100 Grad gebrannt und bleiben dann noch zwei Tage im Ofen zum langsamen Auskühlen. Ob Brottöpfe, Salatschüsseln, Wasen, Krüge, komplette Ess- oder Kaffeeservices – der Vielfalt der Formen sind keine Grenzen gesetzt. Die Töpferei fertigt auch auf ganz spezielle Wünsche, ob eine besonderes Einzelstück für einen besonderen Anlass oder größere Stückzahlen wie beispielsweise Vereinsteller.
Und die Zukunft des Familienbetriebs ist gesichert: Bernd Dönig, der 1972 in Marburg seinen Gesellenprüfung und 1980 in Kassel seine Meisterprüfung ablegte, bildete mit Sohn Tobias seinen Nachfolger in der Odenwälder Töpferdynastie selbst aus. Mit modernen Linien und Formen setzte der Junior bereits neue Akzente im Sortiment – das Feuer wurde wieder einmal von einer Generation zur nächsten weitergereicht.
Odenwälder Kunsttöpferei Müller & Dönig, Bahnstraße 21, Erbach, Tel. 06062 3185, geöffnet montags bis freitags von 9 bis 12 und 14 bis 18 Uhr, samstags von 9 bis 13 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr. Werkstattbesichtigungen nach Vereinbarung.

 

     

 

  
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