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„Alte Post“ in Brensbach

von DER Thurn & Taxis-Station zur Kleinkunstkneipe

Anfang des 19. Jahrhunderts wurden hier die Pferde mit Hafer und Wasser versorgt, heute bekommen die Menschen dort Kultur serviert. Die Rede ist von der „Alten Post“ in Brensbach, die sich im Laufe der Jahrzehnte von einer Poststation zur Kleinkunstkneipe wandelte und in dieser Funktion nun schon seit über zehn Jahren Programm bietet. Das Anwesen ist auch von überregionaler Bedeutung: Die „Post zu Brensbach“ kommt im Buch „Eulenspiegel im Odenwald“ des Brensbacher Schriftstellers Karl Schäfer vor, war Drehort der Fernsehfolge „Kein schöner Land“ und eines Kurzfilms mit der Schauspielerin Lia Wöhr, bekannt als Wirtin vom „Blauen Bock“.

„Die alte Post fährt durch den Wald und mit ihr fahren bunte Träume“, lautet der Titel einer historischen Illustration aus der Postkutschenzeit und diesen Satz hat sich der Verein Kleinkunstkneipe „Alte Post“ zum Motto gemacht. Die „Alte Post“ fährt zwar nicht durch den Wald, sondern steht fest an der Hauptstraße Brensbachs, aber bunte Träume gehören tatsächlich zu ihrem Angebot, und jede Menge Nostalgie.

„Zur Post“ steht auf dem Wirtshausschild über dem Eingang des postgelb-verschindelten Anwesens im Ortskern von Brensbach. Der Besucher, der über die Schwelle tritt, fühlt sich unmittelbar in längst vergangene Zeiten versetzt. Vorbei am ehemaligen Postschalter, der noch die alten Öffnungszeiten anzeigt, betritt man die historische Gaststätte. Auch hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, ob Mobiliar, Dekoration oder das alte Klavier – wenn die erzählen könnten...

Die alte Post ist eine ehemalige Thurn-und-Taxis-Postexpedition, in der vor rund 170 Jahren die Postkutschen auf ihrem Kurs von Darmstadt über Erbach nach Eberbach Station machten und die Pferde wechselten. Spätere, als die Post ihren Transport motorisierte, fungierte das Gasthaus als Brensbachs „Guud Stubb“, Dorfkneipe und Treffpunkt. In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts drohte mit der Aufgabe der Bewirtschaftung durch die „Post-Luise“ - die Post-Wirtin war bekannt für ihre Zwiebel-Krebbel - das Ende der alten Post in Brensbach. Das allseits bekannte Kneipensterben und der Zahn der Zeit waren auch an dieser Einrichtung nicht spurlos vorbeigegangen.

Es ist den heutigen Besitzern, der Familie Lochschmidt, zu verdanken, dass dieses historische Anwesen seit den achtziger Jahren sehr behutsam renoviert und im Sinne des Denkmalschutzes erhalten wurde. Natürlich waren bauliche Veränderungen und zeitgemäße Installation erforderlich, aber das Gebäude strahlt mit seinem Postschalter, seiner historischen Gaststätte und dem Innenhofbereich nach wie vor den unverwechselbaren Charme früherer Zeiten aus.

Der „gute Geist“ der alten Post ist heute der Verein Kleinkunstkneipe. Mit der Zielsetzung, dieses denkmalgeschützte Anwesen seiner alten Bestimmung entsprechend mit geselligem und kulturellem Leben zu erhalten und mit neuen Aktivitäten zu beleben, fanden sich im Juni 1994 engagierte Bürger zusammen und gründeten den Verein. Dieser bewirtschaftet seitdem mit viel Engagement und persönlichem Einsatz die Gasträume und ist als gemeinnützig anerkannt.

Durch die Vereinsaktivitäten wurde die alte Post nicht nur zu Ortsfesten wie zur „Bräischbocher Kirb“ oder zum Weihnachtsmarkt für das Publikum geöffnet, sondern ist mit mittlerweile mehr als 150 Kleinkunstveranstaltungen zu einen kulturellen Treffpunkt geworden. Neben einem abwechslungsreichen Programm aus Musik, Kabarett, Comedy sowie Lesungen und Zauberei finden nicht nur die freitäglichen Kneipenabende statt, sondern auch Sitzungen und Veranstaltungen örtlicher und regionaler Vereine und Organisationen. Höhepunkt der Vereinsaktivität ist in jedem Jahr das sommerliche Hoffest im wunderschönen Ambiente des Innenhofs der „Alten Post“, das dieses Jahr am 9. Juli ansteht und mit einem bunten Kulturmix die Sommerpause einläutet.

Bis zu 130 Besucher passen in den grünen Innenhof des Anwesens, in die Kleinkunstkneipe selbst nur 35. Im Hof gibt es auch eine Bühne, in der Kneipe stehen die Künstler mitten im Publikum. Zwischen Kneipe und Hof gibt es noch den beheizbaren Wintergarten mit 80 Plätzen, so dass die Postler im Gegensatz zu den Anfängen auch große Veranstaltungen und bekanntere Künstler anbieten können.

Finanziert wird das Ganze – völlig ohne Subventionen – aus Eintrittsgeldern, Mitgliedbeiträgen und den Einnahmen aus der Bewirtung. Der Verein verfügt über 40 Mitgliedschaften, der harte Kern der Aktiven besteht aus einem Dutzend Leuten. Der Vorstand selbst kommt mit drei Personen aus: Dem Vorsitzenden Christoph Metinke, dem Schriftführer Willi Bischoff und dem Rechner Thomas Frischkorn. Die Hausbesitzer Bernd Lochschmidt und Ines Einsporn-Lochschmidt habe die Kneipe an den Verein verpachtet, arbeiten aber selbst aktiv mit, er in der Organisation und Kommunikation, sie in der Küche. Denn: Die Postler bewirten ihre Gäste selbst, nur bei größeren Veranstaltungen kooperieren sie mit einer benachbarten Pizzeria. Überhaupt pflegen sie gute nachbarschaftliche Beziehungen, zum Beispiel zu der Brensbacher Theatergruppe „Bannoser“, die direkt nebenan ihre Spielstätte haben. Die Gäste der Kleinkunstkneipe allerdings kommen überwiegend von außerhalb des Ortes, aus dem Gerspenztal und dem Mümlingtal, aber auch von weiter entfernt.

Vor einigen Jahren drohte dem Verein wegen finanzieller Probleme das Aus – und die Postler erfuhren unerwartete Solidarität. Auch seitens der Künstler, die kostenlos auftraten, um die Post zu retten – was nach einem halben Jahr auch gelang. Der Verein kam wieder auf die Füße und machte weiter. „Eine dramatische, aber schlussendlich auch sehr schöne Erfahrung“, so Bernd Lochschmidt.

Inzwischen läuft alles längst in ruhigen Bahnen, im Schnitt wird pro Monat eine Veranstaltung geboten, jeden Freitag ist Kneipenabend. Am 1. Juli steht Poeta Magica mit Multi-Kulti-Musik auf dem Programm und nach dem Hoffest am 9. Juli geht es in die Sommerpause. Aber pünktlich zur Brensbacher Kerb im September macht die „Alte Post“ wieder auf, mit einem neuen, bunten Programm aus Kabarett, Comedy, Musik und dem bewährten nostalgischen Charme der alten Poststation. (psi)

KleinKunstKneipe „Alte Post“, Heidelberger Straße 23, Brensbach, Tel. 06161 87116; Veranstaltungstickets sind während der Öffnungszeiten in der „Alten Post“, bei der Vorverkaufsstelle Foto Verde in Brensbach oder im Internet unter www.kleinkunstkneipe.de erhältlich. Dort ist auch das aktuelle Programm abrufbar.

 

     

 

  
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