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Museum Mutter in Amorbach

Einzigartige Inszenierung von Kunst und Alltag

Man muss einfach mit der Fassade anfangen: So knallrot wie dieses Gebäude ist weit und breit kein Haus in Amorbach. Und dann noch unter dem Giebel in quietschorange die Aufschrift „mutter.“ Weiter unten steht schon etwas erläuternder: „museum für kunst. sammlung berger“, gefolgt von dem Motto von HA Schult: „Kunst macht den Alltag sichtbar“. Treffender lässt sich das Mutter-Museum kaum beschreiben. Mal verrückt, mal verspielt, oft irritierend, aber auch inspirierend, doch auf jeden Fall vergnüglich präsentieren sich in diesem Wunderkabinett aus Kunst, Kitsch und Alltag die Dinge dieser Welt. Hier wird das Alltägliche zur Kunst erhoben während die Kunst mit dem Alltag spielt.
Vogelgezwitscher empfängt den Besucher in der 2500 Stück umfassenden Teekannensammlung. Neben Raritäten finden sich meist skurrile Objekte, die wie Blüten in einem Gewächshaus zwischen künstlichem Efeu hinter einem Jägerzaun thronen. Die Pepsi-Cola-Sammlung verharrt unter dem Dach im Ambiente der 50er Jahre. Bedauernswerte Teddybären warten hinter Gittern auf ihre Betrachter, während sich ein riesiger Puppenprotestmarsch zu ihrer Befreiung formiert. „Schmust doch mit euch selber“ und „Gebt die Teddys frei“ lauten die Parolen hinter Maschendraht. Beschaulicher sieht ihre Welt in den großen, alten Puppenhäusern aus, die teilweise Schrankgröße haben.
Zu verdanken ist dieses einzigartige Museum Eva-Marie Berger, deren drei Kinder nun die Sammlung zusammenhalten. HA Schult hat hier „EM“ mit seinem Raum „Trümmer-Frauen“ ein Denkmal gesetzt. 1910 in Königsberg geboren, kam die gelernte Fotografin als Kriegswitwe 1945 nach Amorbach. Um sich und ihre Kinder über Wasser zu halten, verkaufte sie zunächst begehrte Souvenirs wie Uhren aus Elfenbein an die Amerikaner. Ihren Markt jedoch fand sie in der prosperierenden Nachkriegsgesellschaft, die sich allmählich neben dem Allernotwendigsten auch den Luxus im Kleinen leisten konnte. Die in bunten Bast gewickelte Blumenvase für die VW-Käfer-Armatur oder das hölzerne Behältnis für die Melitta-Kaffeefilter gehen auf den Erfindungsgeist Eva-Marie Bergers zurück. In den ehemaligen Firmenräumen, in denen die Unternehmerin zeitweise rund 50 Mitarbeiter beschäftigte, eröffnete sie im Alter von 85 Jahren das Museum. Hier ist auch eine beachtliche Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst zusammengetragen, die keineswegs museal verstaubt wirkt, sondern in erster Linie Staunen hervorruft.
Gleich am Eingang steht ein monumentaler Turm, zusammengesetzt aus 2400 Büchern. Der Blick in sein Inneres löst leichten Schwindel aus: Nach oben und unten spiegeln sich die Bücher ins Endlose. Irritierend auch die Bibliothek von Patrick Hughes, die je nach Blickwinkel in einer anderen Dimension erscheint. Mutationen der allseits bekannten Plastik-Gießkanne kleben wie seltsame Tierchen an Decken und Wänden, der unter dem Künstlernamen Hans Wurst agierende Georg Schweitzer hat sie geschaffen – ebenso wie den aus 500.000 Streichhölzern in Originalgröße nachgebauten Mercedes-Benz. Hinter der Tür mit der Aufschrift „Privat“ stößt man völlig unerwartet auf eine kunterbunte Ansammlung von Särgen, hergestellt in Ghana. Begraben in einer Cola-Flasche, als Ananas oder Kuh – dort scheint alles möglich. Bunt bemalte und bizarr gestaltete Urnen oder zu Trauerkränzen umfunktionierte Rettungsringe ergänzen das Szenario, das dem letzten Gang mit Witz begegnet.
Und dann sind hier noch die Künstler vertreten, die in den sechziger und siebziger Jahren von sich reden machten, vornehmlich die der Fluxus-Bewegung. Hier inszeniert sich der Alltag zur Kunst, wie etwa die bizarren Objekt-Montagen von Daniel Spoerri, Michael Buthe oder Armand zeigen. Zu sehen sind eine gemeinsame Arbeit von Christo und Nam June Paik, Skulpturen von Niki-de-Saint-Phalle, aber auch Rebecca Horn, Yves Klein, Bibelillustrationen von Chagall, und die Pop-Art eines Roy Lichtenstein.
Eva-Marie Berger, die den Deutschen der Adenauer-Ära die ersten kleinen Überflüssigkeiten in die guten Stuben zauberte, scheute den Kitsch nicht. Für sie ging es zunächst ums Überleben. Als die Avantgarde-Künstler der 60er und 70er Jahre die Trennung zwischen Kunst und Alltag aufhoben und ihre Werke, dem Massenkonsum entsprechend, teilweise seriell fertigen ließen, griff sie diese Kunst-Bewegung begeistert auf. Neben ihrer Sammlertätigkeit unterstützte sie zudem unbekannte Künstler. Doch damit nicht genug: Als 80-Jährige wurde Eva-Marie Berger mit eigenen Kunstwerken selbst aktiv. Diese ganz eigenen Bildwelten sind von einer Vitalität und Farbigkeit, die etwas von der ungebrochenen Energie dieser außergewöhnlich kreativen und tatkräftigen Frau mitteilen. In ihnen erscheint der Geist des Museums gebündelt. (kro)

Mutter. Museum für Kunst, Wolkmannstr. 2, Amorbach. Tel. 09373 99081. www.amorbach-mutter.de. Öffnungszeiten: April bis Oktober, täglich 11 bis 18 Uhr, montags geschlossen.

     

 

 

 

  
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