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Was macht eigentlich der Michi?

Nach seinem Bildschirmverbot hört und sieht man ihn kaum mehr, aber der ehemalige Journalist und heutige Theaterchef und Stückeschreiber kann über Langeweile nicht klagen

Der Mann mit dem zerknautschten Knubbelgesicht unter dem wilden Wuschelkopf gilt längst als Frankfurter Original. Und das nicht nur in der Bankenstadt. Seit er von 1999 bis 2003 rund 1500 über die Mattscheide Ausgehtipps für Rhein-Main verbreitete, kennt ihn die ganze Republik. Zumindest die Fans der „Late Lounge“, der inzwischen vom Hessischen Rundfunk geschassten Kultsendung mit Roberto Cappelluti. Dort saß der Michi – wie Michael Herl von seinen Fans liebevoll genannt wird – jeden Abend, tauschte mit Roberto Freundlichkeiten und Gehässigkeiten aus und präsentierte seine Ausgehtipps. Die beiden boten mitternächtliche Fernsehunterhaltung vom Feinsten und das Motto der Sendung „War spät gestern!“ wurde schnell zum geflügelten Wort. Für die wichtigste Fernsehauszeichnung, den Grimme-Preis, war diese beliebte Low Budget Produktion 2003 nominiert. Am Tag der Nominierung halbierte der HR das eh schon kleine Budget, die Sendung sollte künftig nur noch einmal pro Woche – statt wie vorher fünf Mal – ausgestrahlt werde. Michi nannte den HR daraufhin in einem Interview einen „Schnachsender“ – was ihm ein sofortiges Bildschirmverbot einbrachte. Seitdem fragen sich zahlreiche seiner Fans: Was treibt Michi eigentlich jetzt?
Die Antwort ist ganz einfach: Das Gleiche, was er zu Late Lounge-Zeiten auch schon trieb. Er leitet das Stalburg Theater im Frankfurter Nordend – und schreibt. Letzteres ist nämlich sein Beruf, ganz klassisch erlernt an der renommierten Journalistenschule in München. Als Redakteur arbeitete er anschließend im Print-, TV- und Hörfunkbereich für den Bayrischen Rundfunk und die Süddeutsche Zeitung, danach als Reporter für Stern Hamburg, später für die Stern-Redaktion Frankfurt. Als Dokumentarfilmer drehte er mit Themenschwerpunkten Umwelt, Soziales und Gesellschaftspolitik für den WDR, SWF, NDR und RAI in Italien, lieferte TV-Beiträge für Report Baden-Baden und Monitor. Michi Herl führte Regie bei dem Musikfilm „WAAhnsinn“ über das gleichnamige Konzertereignis gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Für Geo, Stern, Zeit-Magazin, Merian, Frankfurter Rundschau und weitere namhafte Printmedien schrieb er Reportagen aus Europa, Asien. Nord- und Südamerika, vorwiegend zu sozialkritischen Themen und aus den Krisengebieten.
1997 war damit Schluss, Michi Herl hatte genug vom Journalismus, konnte sich mit seinem Beruf nicht mehr identifizieren. „Heutzutage ist kein Platz mehr für große Schreib- und Fotostrecken, diese Art der Qualität ist nicht mehr gefragt“. Auch des Reisens von einem Elend zum nächsten war er müde geworden – und ließ sich in Frankfurt, wo er schon seit einigen Jahren wohnte, auch beruflich nieder. Schreiberisch wechselte er ins Fach politisch ambitionierte Kabarett- und Theaterstücke. Vieles hatte sich schon in den Jahren zuvor in den Schubladen und im Kopf angesammelt, nur kam alles raus und mit Gründung des Stalburg Theaters auch auf die eigene Bühne.
Schon 1996 tourte Michi Herl gemeinsam mit Stephan Morgenstern und der Dia-Essay „Adonis und das Auto aus Russland“ durch hundert Städte. Zwei Jahre später erarbeitete er die Figur „Anton Le Goff und schrieb das erste Stück „mutterlos“; „On Air“ und „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ folgten. Michi Herl schrieb für diverse Kabarettisten und natürlich Stücke für die Bühne des Stalburg Theaters. Sein Late Lounge-Fernsehruhm verschaffte ihm mehrere Rollen im „Polizeiruf 110“, Ein Fall für zwei“ und „Die Kommissarin“. Und 18 Bücher hat er nebenbei auch noch veröffentlicht.
Inzwischen kreist sein Leben und Wirken vornehmlich um sein Theater, da erledigt er auch Kartenbestellungen, wenn er sowieso gerade am Computer sitzt. Der steht im Stalburg-Büro, nur zwei Straßen vom Theater entfernt, umrahmt vom überquellenden Aschenbecher und Kaffeetasse. Zwei Schachteln Zigaretten raucht er am Tag weg, aber irgendwann will er aufhören. Kaffee trinkt er auch reichlich und weiß einen guten Dornfelder Rotwein zu schätzen. Diese alten, klischeehaften  Journalistengewohnheiten pflegt er auch in seinem Leben als Theaterchef weiter.
Er ist wirklich ein Frankfurter Original, man kennt und liebt ihn. Obwohl er eigentlich kein Frankfurter, sondern ein Pfälzer ist, 1959 in Pirmasens geboren. Aber er ist längst in Mainhätten zu Hause und auf seine Wahl-Heimatstadt lässt er nichts kommen. „Es ist die großstädtischste Großstadt in Deutschland. Hier politisch ambitioniert künstlerisch tätig zu sein, ist eine Herausforderung – mit dem Großkapital direkt vor der Nase“, erklärt der bekennende Linke. Die Herausforderung hat er längst angenommen, und es scheint wunderbar zu funktionieren mit dem Großkapital und der Kunst – schließlich ist die KfW-Bank Hauptsponsor des Stalburg Theaters. Aber wer kann diesem sympathischen Knubbelgesicht schon widerstehen, dazu ist er einfach zu lieb, zu ehrlich und zu authentisch, der Michi.

Kontakt: Michi Herl, Stalburg Theater, Spohrstraße 39, 60318 Frankfurt, Tel. 069 256 277 44

 

     

 

  
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