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Quo vadis limes?

Das geadelte Kulturerbe und sein kleines Odenwälder Stiefkind

Seit dem 15. Juli kratzt das Weltkulturerbe am Odenwald. Im südafrikanischen Durban fiel die mit Spannung erwartete Entscheidung: Der obergermanisch-rätische Limes wurde in das Unesco-Kulturerbe aufgenommen. Die 550 Kilometer lange Linie vom Rhein bis an die Donau ist jedoch weitgehend nur aus der Luft wahrnehmbar. Am einfachsten ist der Schutzwall noch zwischen Seligenstadt und Miltenberg zu erkennen: Hier bildete der Main die natürliche Grenze; deswegen wird dieser Abschnitt auch „nasser Limes“ genannt. Von Miltenberg aus verläuft er dann in gerader Linie über Walldürn, Buchen und Osterburken bis Lorch, wo der obergermanische Abschnitt endet. So unsichtbar der Limes auch für viele Laien ist, belegen doch römische Funde und gezielte Ausgrabungen seine Nähe. So ist die Stadt Obernburg auf den Fundamenten eines Kohortenkastells erbaut. Dort ist auch das Römermuseum eine Besichtigung wert. Um die Walldürner Gegend herum finden sich die Fundamente mehrerer Kleinkastelle, der Wachtposten „Steinernes Haus“ sowie ein Römerbad. Auf dem Limeslehrpfad kann man dort auf den Spuren der Römer wandeln. Das Kleinkastell Hönehaus befindet sich bei Buchen und in Osterburken wurden gleich mehrfach bedeutende Funde gemacht, für die sich ein eigenes Römermuseum lohnte.
Der Unesco-geadelte Limes hat aber auch ein kleines Stiefkind, und das heißt Odenwald-Limes. Er wurde erst gar nicht in den Kulturerbe-Antrag aufgenommen. Der im Jahr 1892 von der Reichslimeskommission als Strecke Nr. 10 untersuchte Grenzwall ist nicht weniger schön (soweit man das von einem unsichtbaren Gegenstand sagen kann), noch gab es hier nichts auszugraben. Der Grund ist viel banaler, obwohl aus archäologischer Sicht wenig nachvollziehbar: Er ist einfach zu alt! Der Odenwald-Limes wurde nämlich bereits um 100 nach Christus gebaut und zog sich über 70 Kilometer von Wörth am Main bis Bad Wimpfen am Neckar. Die hölzernen Wachtürme an dieser Grenzlinie wurden später sogar durch steinerne Posten ersetzt. Dennoch hielt er sich dort nur cirka 60 Jahre, bis dann 30 Kilometer weiter östlich die Linie von Miltenberg bis Lorch geschlossen wurde. Spuren der Römer findet man etwa in Hummetroth mit der „Villa Haselburg“, wo das ausgegrabene Fundament einer casa rustica über der Landschaft thront. Weiter zieht sich der Limesverlauf über Eulbach, Würzberg, Hesselbach, Schlossau und das Oberscheidental. In Würzberg lässt sich neben den freigelegten Fundamenten einer römischen Badeanlage noch das dazugehörige Kastell erahnen. In Hesselbach, inmitten der ehemaligen Wildschweinfütterung, sind Reste von römischen Wachtürmen und ein Palisadenzaun rekonstruiert.
Über die Aufnahme des Limes als Weltkulturerbe kann man geteilter Meinung sein. Einerseits wurde durch die für den Weltkulturerbe-Antrag nötige Bestandsaufnahme festgestellt, dass viele der von Theodor Mommsen gegründeten Reichslimeskommission inventarisierten Fundstätten nicht mehr existieren. Durch neue Bauerschließungen, Industrie, Land- und Forstwirtschaft wurden in den vergangenen 110 Jahren Bodendenkmäler vernichtet. Der Fortschritt ging vor. Mit dem Kulturerbe-Auftrag sind die noch vorhandenen Stätten zum schützenswerten Raum geworden, deren Erhalt Vorrang hat. Im Sinne des Denkmalschutzes – und nicht zuletzt auch der Landschaftspflege – ist das wünschenswert. So gibt es zum Beispiel in Baden Württemberg Initiativen, die auf Bodenniveau nicht sichtbare Limeslinie durch Heckenbepflanzungen zu markieren. Aber viele der strukturschwachen Gemeinden – und wer denkt da nicht auch an den inneren Odenwald  – erhoffen sich von dem Kulturerbe-Stempel auch steigende Tourismuszahlen. Wo etwas geboten wird, da fährt man hin, warum also nicht auch zum Limes. Damit beginnt eine zweischneidige Geschichte: Die vormals geschützt im Boden schlummernden archäologischen Denkmäler werden für eine breite Öffentlichkeit freigelegt. Während öffentliche Bebauungsmaßnahmen im Sinne des Denkmalschutzes und des Weltkulturerbe-Auftrags strikt unterbunden werden, könnte die Ausgrabung von Fragmenten römischer Bauten beschleunigt werden – und damit deren Verfall. Ein Übriges leistet die Schaffung einer Infrastruktur, die Touristen – möglichst bequem – an ihr Ziel befördert. Zugangsstraßen, Parkplätze, Kioske, Toilettenanlagen – alles, was der moderne Mensch braucht, muss an Ort und Stelle verfügbar sein. Doch schließlich ist da auch die Frage, ob und wie anschaulich das Limes-Kulturerbe sein soll: Steht man in Hesselbach vor den Wachturmresten und der rekonstruierten Palisade im Wald, bekommt man eine Ahnung davon, wie sich ein Legionär vor 2000 Jahren dort mitten in der Wildnis gefühlt haben muss: Allein, fremd, fernab aller Zivilisation. Der vom Odenwaldklub errichtete Limespfad reicht völlig, um dieses Ziel zu finden und seine suggestive Kraft zu erleben.
Um 260 nach Christus wurde übrigens auch der nunmehrige Unesco-Limes aufgegeben. Die Römer hatten keine Kapazitäten mehr gegen den Alamannen-Ansturm. Vielleicht ist das ein nachträglicher Trost für den Odenwald-Limes: Immerhin wurde er nicht überrannt. Er existierte ja gar nicht mehr.

Andrea Kroll

     

 

 

 

  
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