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Frauenpower lÄsst die Bilder weiterlaufen

Die LÖwen-Lichtspiele in Reichelsheim standen schon vor dem Aus – aber engagierte Cineasten sorgen fÜr den Fortbestand als Programmkino

Ende 2004 schien für die Reichelheimer Löwen-Lichtspiele das Ende gekommen. Der Inhaber Fritz Tritsch ging mit 80 Jahren in den mehr als verdienten Ruhestand. Seine Töchter Rosemarie Schnurr und Heide Tritsch, die ihn zuvor schon unterstützten, sind beide berufstätig – fürs Kino fehlte einfach die Zeit. Ab und an, einmal im Monat, sollten zwar noch Filme über die Leinwand laufen, aber regelmäßige Vorführungen standen nicht mehr auf dem Plan. Diese Nachricht sorgte bei einigen für Entsetzten, auch bei Irene Witte, seit zehn Jahren Vorführerin in dem kleinen Gersprenztaler Kino. Die engagierte Cineastin beschloss: Es muss weitergehen – und rannte bei den beiden Töchtern des Hauses offene Türen ein. Unterstützung bekommen die drei Damen auch vom Freundeskreis der Reichelsheimer Löwen-Lichtspiele, ein Zusammenschluss von 25 Kino-Fans aus Reichelsheim und den umliegenden Gemeinden, die ebenfalls das Verschwinden der Einrichtung nicht tatenlos hinnehmen wollten. Seit Januar 2005 betreiben sie das Kino nun zu dritt, mit Frauenpower, reichlich Idealismus und neuen Ideen: Weg vom Mainstream, hin zum Programmkino – und das für die Zielgruppe der um die 40-Jährigen.

Idealismus prägte von Anfang an das kleine Kino auf dem Land. 1927 war es Friedrich Tritsch, der im Gasthaus „Zum Löwen“ am Krautweg ein Filmtheater namens „Löwen-Lichtspiele“ ins Leben rief. Die Bilder hatten gerade erst laufen gelernt und es gehörte Mut, fortschrittliches Denken und eben Idealismus dazu, ihnen auch auf dem Land Lauflernhilfe zu bieten. Begonnen hat die Kino-Geschichte auch in Reichelsheim mit Stummfilmen, begleitet von einem Pianisten. Aber schon Anfang der Dreißiger faszinierte der Tonfilm die Reichelsheimer. Auch im Krieg fanden sie im Kino Abwechslung vom Alltag. Die meisten Männer waren eingezogen, auch Friedrich Tritsch. Seine Frau Marie hielt die Bilder ganz alleine am Laufen. Nach dem Krieg blieb die Leinwand erst einmal dunkel. Das hätte schon Jahre früher passieren können, wäre Fritz Tritsch nicht wie die meisten Geschäftsleute Parteimitglied geworden. 1945 kam somit der langwierige und bürokratische Entnazifizierungsprozess. Das Kino wurde vorübergehend verpachtet. 1949 lag der „Persilschein“ vor und die Familie durfte ihr Kino wieder selbst betreiben.

Der Junior übernahm den Betrieb und absolvierte dafür die damals vorgeschriebene sechswöchige Lehrzeit an der staatlichen Ingenieurschule in Frankfurt. In den Fünfzigern erlebte das Kino seine Glanzzeit, bei Heimatfilmen ließ es sich in der Nachkriegszeit so schön von der heilen Welt träumen. Der Boom war auch in Reichelsheim spürbar. 1955 wurden die Löwen-Lichtspiele komplett renoviert.

Die damals über 300 Sitze sind inzwischen längst auf 216 reduziert. Die Vorführmaschinen aus den Fünfzigern leisten noch heute zuverlässig ihren Dienst. Das gesamte Ambiente, Lampen, bespannte Wände sowie die rotgepolsterten Holzklappstühle der Reihen verbreitet den Charme der damaligen Zeit. Die Technik allerdings – ob Breitwandleinwand oder Dolby-Akustikanlage – ist auf aktuellem Stand und wurde erst kürzlich modernisiert.

Schon immer betrieb die Familie das Kino mehr als Hobby neben dem Haupterwerb  Landwirtschaft und später Bäckerei und Konditorei. Zum Schluss wurde an den Wochenenden von Freitag bis Sonntag gespielt, inklusive einer Kindervorstellung. Das Publikum bestand überwiegend aus Jugendlichen, entsprechend wurde auch das Programm ausgewählt. Die jungen Leute zog es allerdings mehr und mehr in die Kino-Paläste der Großstädte.

Das führte nun zum Wechsel der Zielgruppe. Aktuellen Mainstream, und das auch noch pünktlich zum Bundesstart, kann das kleine Kino nicht bieten. Dafür jedoch Filme, die sonst nirgendwo, außer in anderen Programmkinos, laufen. Gespielt wird weiterhin am Wochenende, samstags und sonntags – zudem ist der Montag Kinotag in Reichelsheim. Im Foyer ist inzwischen eine Kinobar eingerichtet. Im Winter wird dort Glühwein und alkoholfreier Punsch ausgeschenkt, im Sommer eher Wein und Sekt. Sie öffnet bereits um 19.30 Uhr, Kinobeginn ist immer 20.15 Uhr. Und die Gäste kommen frühzeitig, um dieses Angebot zu nutzen – und werden meist namentlich und mit Handschlag begrüßt. Die Kinobar ist ein beliebter Treffpunkt vor dem Film, auch hinterher halten sich die Gäste oft noch lange dort auf.

„Ab und zu zeigen wir auch Mainstream und Kassenknüller“, erklärt Irene Witte – auch um Besucher ins Kino zu locken und ihnen, unter anderem mit den Ankündigungsfilmen, Appetit auf das alternative Kinoprogramm zu machen. Es scheint zu funktionieren, das neue Konzept des kleinen Kinos. Geld verdienen lässt sich allerdings nicht damit, ganz im Gegenteil: „Wir müssen immer wieder investieren“, erklärt Irene Witte. Um das alles zu gewährleisten, wird das Kino auch vermietet, ob für kulturelle Events wie Theater, Kleinkunst, Lesungen und Musik externer Veranstalter oder für private Familienfeiern.

LÖwen-Lichtspiele, Krautweg 1, Reichelsheim, Tel. 06164 910264 (BÜro) oder 06164 501826 (Info und Karten), www.kino-reichelsheim.de

 

     

  
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