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Rocksongs ohne Grün

Thomas Keil aus Weiterstadt verewigt Emotionen in Collagen und auf Bilder

„346.“ Das ist Thomas Keils Antwort auf die Frage, wie viele Bilder er in den vergangenen Jahren gemalt hat. Während andere Künstler für diese Auskunft allenfalls vage Angaben machen können, genügt bei Keil ein kurzer Blick in ein Heft. „346 Bilder seit 1993. Da steht’s“, sagt er und deutet auf eine handschriftliche Liste.
Thomas Keil aus Weiterstadt archiviert nicht nur akribisch Entstehungsdaten und Titel seiner Bilder und Collagen. Auch die 14.000 Fotos seiner 2.053 Modellautos hat er katalogisiert. In 34 Alben, auf zahlreichen handschriftlich verfassten Blättern und in einer langen Tabelle im Computer.
Die kleinen bunten Wagen sind keinesfalls zufällig auf den Schränken und Regalen von Keils Wohnung angeordnet. „Ich würde sofort merken, wenn welche vertauscht würden“, sagt Keil. Die Hotwheels sind ein Teil des kontrollierten Chaos, das in Keils Wohnung im Weiterstädter Stadtteil Riedbahn herrscht. Mit zahlreichen Bildern, Fotos, Emblemen, Zeitungsausschnitten, Fotografien von Models und einigen Konterfeis von Rocksänger Marilyn Manson an Wänden und Decken wird die Wohnung zum Gesamtkunstwerk. Und Thomas Keil ist ein Teil davon. 
Eine Wohnung, fast besser als Fernsehgucken. „Die meisten Leute, die mich besuchen, lesen die Zeitungsartikel, gucken herum und betrachten meine Sachen. Die Wohnung ist ein Kunstwerk, das sich ständig verändert“.
Gegensätze bestimmen die Werke: Schön und Hässlich, Ästhetik und Zerstörung, Erotik und Gewalt. „Eine grundsätzliche Härte ist vorhanden“, beschreibt Keil den roten Faden. Oft sind es schöne Frauen, die Keil in Collagen zu verunstalten versucht. „Aber es funktioniert nicht. Jeder kleine Bildfetzen birgt Schönheit in sich, es ist nicht möglich die Schönheit der Frauen zu zerstören.“ Gegensätze bestimmen auch Keils Leben. Nach seiner Schulzeit auf dem Schuldorf Bergstraße in Seeheim-Jugenheim und dem Kurfürstlichen Gymnasium in Bensheim machte Keil eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, führte als Ehemann und Familienvater viele Jahre ein solides Leben. Doch Keil war auch immer Rebell, provozierte mit zahlreichen Tätowierungen, martialischen Ringen und auffällig beschrifteten T-Shirts. Vor allem Marilyn Manson hat es ihm angetan. „Was schockt, mochte ich schon immer. Außer Manson gibt es doch heute in dieser Richtung fast nichts.“ Anders als Manson will Keil nicht schockieren. Provozieren dagegen gern. „Provokation ist eine Hilfe zum Nachdenken“, findet Keil. Mit seinen durchweg schwarzen Klamotten, Schirmmütze, Tattoos und auffälligem Schmuck lässt er sich keiner Szene zuordnen. Will er auch nicht. „Ein bisschen Punk, ein bisschen Rock, ein bisschen Gothic“, nennt er seinen Stil, der vor allem eins nicht sein soll: bierernst. „Dafür bin ich erstens zu alt und zweitens zu vielseitig.“
Keil ist auch Autor, verfasste und vertonte bereits zahlreiche Horror-Kurzgeschichten und schreibt derzeit einen Roman. Als Hörfunk-Moderator von Musiksendungen über Blueslegenden, die Entstehung von Punkmusik und über Urgesteine des Rock hat Keil eine treue Zuhörerschaft gewonnen.
Schon als Kind fertigte Keil erste Zeichnungen und Bilder an. Das Archivieren gehörte immer dazu. An vier Ausstellungen hat Keil mittlerweile teilgenommen, zuletzt an der Ausstellung „Sinnbilder“ im Rathaus Goddelau.
Doch ebenso wie sein umfassendes Wissen über Punk-, Rock, und Bluesmusik  sowie seine Funktion als Sänger einer Rockband hat Keil seine Kunst nicht zum Beruf gemacht. Heute arbeitet er Schicht in einem Chemieunternehmen. „Ich hatte noch nie ein Händchen dafür, meine Talente zu Geld zu machen“, sagt er und lacht.
Kunst ist für Keil mehr als nur ein Hobby. Die Möglichkeit, damit Gefühle auszudrücken, half ihm vor einigen Monaten aus einer schweren Depression. „Malen war für mich mehr als Therapie und wichtiger als Gespräche. Es war ein Weg zurück ins Leben.“ Zunächst ganz zart und filigran bannte er Figuren und Formen auf schwarzen Karton. Die vielen Bilder aus der Zeit der stationären Therapie erzählen Keils Geschichte aus seiner Krise. Die Formen werden mal hart, mal transparent. Forsche Linien, die wie Balken auf der Leinwand liegen wechseln mit zarten Linien, die aus dem Bild herauszufließen drohen. Gefühle, die Keil beim Hören von Rocksongs empfindet, sind in Bildern wie „Astonishing Panorama of the End Times“ verewigt. „Das ist ein typischer Keil“, sagt Keil und zieht ein Bild unter seinem Bett hervor. „Zorn“ heißt es und zeigt eine von Keil oft verwendete Form, die an sprühende Funken einer Wunderkerze erinnert. Sie gibt es in Silber, Gelb und knalligen Farben. Nur Grün wird man auf Keils Bildern nicht finden. „Ich mag Grün in der Natur. Aber als Farbe geht das irgendwie gar nicht.“ 

Infos und Kontakt unter der E-Mail-Adresse: Mansontk@aol.com

Sabine Eisenmann

 

 

 

 

     

 

  
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